Sternstunden für Nachfolger / 1. Kapitel: Wintergartengespräche

Stuttgarter Killesberg,
Dienstag, 25. November 2003, 19 Uhr.

Nach vielen Treppenstufen hoch auf den Hügel und einem kurzen Blick über die abendliche Stadt waren wir – pünktlich – am Ziel. Eine freundliche Frau mit braunen Haaren, die ich auf Ende vierzig schätzte, hieß uns willkommen und führte uns in ihren Wintergarten. Das ist also Frau Breuninger, dachte ich. So hatte ich sie mir nicht vorgestellt. Wie, das hätte ich nicht sagen können – nur eben nicht so, wie die Frau, die jetzt die Gäste bekannt machte, die an diesem Abend zu einem der regelmäßig stattfindenden »Wintergartengespräche« zusammengekommen waren. Es waren so viele mir unbekannte Gesichter, dass ich mir kaum einen Namen merken konnte. Nur ihre akademischen Titel und Funktionen blieben mir im Gedächtnis. Es waren Stiftungsdirektorinnen, Geschäftsführer, Unternehmensberater, Eventmanager, Buchautoren und Verleger. Mich nannten sie »Schriftsteller« und ich hoffte, dass mir das den Abend über ausreichenden Halt geben würde. Die Gastgeberin führte durch ihr geräumiges Haus, zwei Kellner schenkten eifrig Wein nach und servierten später asiatisches Essen.

Die hier Versammelten hatten den Stuttgarter »Wirtschaftsclub im Literaturhaus« gegründet – mit dem Ziel, Kunst und Literatur zu fördern und für die Wirtschaftswelt als Quelle für neue kreative Impulse nutzbar zu machen. Unter anderem unterstützte der Club das Literaturhaus in seiner Stadt finanziell nicht unerheblich. Und jetzt wollten sie einem jungen Schriftsteller ein Stipendium geben, damit er ein Buch schreiben konnte. Dieser Schriftsteller sollte ich sein.

Ein Buch sollte ich schreiben. Über Leute wie sie. Über Unternehmer mit Idealen. Die Unternehmerschaft sei besser als ihr Ruf, sagten sie. Und es würde zu wenig vorurteilsfrei darüber geschrieben. Viele Leute hätten ein falsches Bild vom geizigen, profitgierigen Geschäftemacher im Kopf – ein Feindbild. Der Verleger Michael Klett habe kürzlich in einem Vortrag gesagt, dass Deutschland nicht das Land der Biographen, und demnach das Angebot an deutschen Unternehmerbiographien sehr gering sei. Dagegen wollten sie, der Wirtschaftsclub, etwas tun. Sie würden eine Reihe von Unternehmerpersönlichkeiten einladen, bei einem monatlichen Mittagessen vor den Mitgliedern und den Gästen des Clubs einen Vortrag über sich und ihre Unternehmen zu halten. Diese Vorträge sollte ich mir anhören und diese Menschen dann in einem Buch porträtieren.

Darüber, was für eine Art Buch es genau werden sollte, hatten sie sich bisher noch nicht geeinigt. Im Laufe des Abends wurden dazu viele verschiedene Vorschläge gemacht. Jeder hatte eine andere Vorstellung von der Zielgruppe, dem Thema oder dem Inhalt des Buches. Die einen wollten eine Sammlung von Erfolgsgeschichten als Geschenk für Wirtschaftsclub-Mitglieder und Geschäftsfreunde – andere möglichst einen Bestseller, der mit allen Vorurteilen gegenüber Unternehmern aufräumen sollte. Wieder andere wollten etwas, das irgendwo zwischen diesen beiden Vorstellungen lag. Als die Diskussion festgefahren schien, las einer der Anwesenden eine Kindergeschichte von Michael Ende vor: »Die Zauberschule«. Einen Moment lang wusste ich nicht, ob die Beteiligten diesen Programmpunkt wirklich ernst meinten. Aber in den Gesichtern der teilweise gebannt lauschenden Zuhörer erkannte ich echtes Interesse. Die Geschichte handelt von zwei Zauberschülern, die ungeduldig darauf warten, endlich zaubern zu dürfen. Der, der sie vorlas, war mir als »Schauspieler und Eventmanager« vorgestellt worden. Ich konnte nur vermuten, was er hier zu suchen hatte. Am Schluss der Lesung bekam er seinen Applaus und das Gespräch über meine Aufgabe wurde fortgesetzt. Nach einer kurzen weiteren Diskussion einigte man sich darauf, mit meinem Stipendium den folgenden Auftrag zu verbinden: »Schreiben Sie über die Wendepunkte im Leben dieser Unternehmer. Denken Sie dabei an Stefan Zweigs ›Sternstunden der Menschheit‹.« Ich wusste zwar, wer Stefan Zweig war, hatte von ihm jedoch nur die »Schachnovelle« gelesen. Und das war lange her. Ich nickte und war froh, nun meinen Auftrag zu kennen. Ich würde die erwähnten »Sternstunden« bald einmal lesen müssen.

»Sie sind aber kein Schwabe?«, fragte mich beim Nachtisch der Sekretär der Gastgeberin. Er hatte sich bisher aus der Diskussion herausgehalten und ein Protokoll geführt. Ich verneinte. Ich bin Rheinländer und hatte erst einige wenige Monate in Stuttgart verbracht. »Können Sie denn dann überhaupt etwas über schwäbische Unternehmerpersönlichkeiten schreiben?« Ich glaubte nicht, dass mir das im Weg stehen würde. Der Blickwinkel des »Reingeschmeckten« – so nennen die Schwaben die Nicht-Schwaben – sollte mir helfen, diese Leute, deren schwäbische Herkunft nur einen Teil ihrer Besonderheiten ausmachte, zu beschreiben.

Einige der Unternehmer, die ich traf, waren davon überzeugt, dass sie ebenso gut auch Künstler hätten werden können und ich glaubte, als freischaffender Künstler ja irgendwie auch ein Unternehmer zu sein. Aber zwischen uns lagen Welten.

http://de.wikipedia.org/,
Dienstag, 2. Dezember 2003, 22 Uhr.

In der Online-Enzyklopädie »Wikipedia« fand ich später verschiedene Definitionen des Begriffs »Unternehmer«. Unter anderem stand da: »Der Unternehmer (Entrepreneur) ist in der umgangssprachlichen Bedeutung des Begriffs der Inhaber (vgl. Eigentümer) eines Unternehmens bzw. eines Betriebes, den er selbständig und eigenverantwortlich führt.« Im deutschen Umsatzsteuergesetz war der Unternehmer anders definiert, nämlich als jemand, der »eine nachhaltige Tätigkeit zur Erzielung von Einnahmen, auch wenn die Absicht, Gewinn zu erzielen fehlt, selbständig ausübt.« Das Wort »nachhaltig«, wie es in der vorangegangenen Definition gebraucht wird, »impliziert die Wiederholungsabsicht«, ist dort zu lesen – gefolgt von einem Beispiel: »Jemand, der seine Briefmarkensammlung einzeln über 2 Jahre verteilt verkauft, ist kein Unternehmer, weil er, wenn alle verkauft sind, aufhört. Kauft er jedoch gezielt Briefmarken um seine Sammlung zu komplettieren und somit ihren Wert beim Verkauf zu steigern, handelt es sich um einen Unternehmer.«

Für den französischen Ökonom Jean-Baptiste Say (1767-1832) war ein Unternehmer eine »Person, die unter Inkaufnahme von Risiken organisiert Produktionsfaktoren zusammenbringt«. Am Kiosk hatte ich auf den Titeln der Hochglanzmagazine zum Thema Wirtschaft den Begriff »Unternehmer« nur selten gesehen. Oft stand dort »Entrepreneur«. Ich schlug das Wort nach und fand die Erklärung, »Entrepreneurship« sei das »Erkennen, Schaffen und Nutzen von Marktchancen durch Gründung«.

Stefan Zweig schreibt in den »Sternstunden der Menschheit« über Wendepunkte in der Weltgeschichte – über die Entdeckung von Ozeanen, die französische Revolution, Napoleons Waterloo oder das Zustandekommen der ersten transatlantischen Telegraphenverbindung. Meine Aufgabe sollte sein, anhand eines einstündigen Vortrags und vielleicht noch eines kurzen Gesprächs subjektive Portraits über schwäbische Unternehmer – Inhaber und Geschäftsführer von Kaffeeröstereien, Schulbuchverlagen, Fabriken für Vorhangschienen oder Hausbriefkästen – zu schreiben.

 

 

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