Luftschiff

Leonberger Kreiszeitung vom 31.5.2003 über Theater in mixed reality:

Spiel mit den Bedeutungsebenen

GERLINGEN – Bereits 1932 hat Bertolt Brecht das Internet vorweggenommen, als er in seiner Radiotheorie ein Medium herbeiwünschte, das ein ungeheures Kanalsystem wäre, das verstünde „nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer (. . .) nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen.

Von Susanne Müller-Baji

Die Solitude-Stipendiaten Klaus Fehling und Stefanie Oberhoff spürten nun beim Themenabend „Theater in mixed reality an der Akademie gemeinsam mit dem Berliner Dramaturgen Andreas Horbelt dem Wesen des Internet-Theaters nach. Der Vortrag wurde dabei ergänzt durch eine Aufführung des Fehling-Stückes „Wizards of Wonderland“. [Es gab keine Aufführung. Es war aber im Vorfeld fälschlicherweise eine solche von den Veranstaltern angekündigt worden. KF]

Den Einstieg in die Zimmerfluchten des virtuellen Raums vermittelte Ausstatterin, Regisseurin und Darstellerin Stefanie Oberhoff bei einer Rede-Performance, bei der es ihr – mittels vorgehängtem Laptop zum Maschinenwesen mutiert – auf hinreißende Weise gelang, in drei Sprachen gleichzeitig zu sprechen. Dramaturg Andreas Horbelt führte im Anschluss in die Geschichte des Internet-Theaters ein. Chatten im Internet sei nichts anderes als Theater zu spielen, so seine verblüffende Theorie, die er auch sogleich belegte: Das virtuelle Image der Mitglieder der Chat-Rooms stimme nur in den seltensten Fällen mit dem realen Ich des Benutzers überein. Mit dem Spitznamen streife er somit praktisch eine Maske über. Und selbst wer sich im Netz nicht verstelle, würde von anderen trotzdem als fiktive Person wahrgenommen.

Zur Entstehung des Internet-Theaters als eigene Kunstform kam es Horbelt zufolge, als sich vor rund zehn Jahren eine Hand voll über alle Welt verstreuter Schauspieler im virtuellen Raum des Chat-Systems Relay Chat IRC traf. Unter dem Titel „Hamnet Players“ führte man Shakespeares „Hamlet“ in die Wirklichkeitsebenen des Internets weiter. Dafür setzte man für das Verständnis Kenntnisse des Originalstoffes und des Chat-Jargons voraus. Aus „To be or not to be“ wurde dabei ein „2b or not 2b“. Im Grunde, so der Dramaturg, war dieses erste Netzexperiment aber nichts anderes als eine auf das Internet übertragene szenische Lesung, bei der Stoff mittels der Regieanweisungen nur im Kopf des Betrachters zum Leben erwachte. Paradoxerweise habe sich mit der Weiterentwicklung des Netzes sein Schwerpunkt vom Text auf das Bild verlagert, was dafür sorgte, dass sich die Kunstform Internet-Theater heute weit gehend totgelaufen habe. Denn jede noch so hoch technologisierte Umsetzung sei der menschlichen Vorstellungskraft weit unterlegen, erläuterte Horbelt. In der Zwischenzeit befassten sich nur noch vereinzelte Dramaturgen mit dem Medium des Internet-Theaters, bemühten sich aber mit neuen Bezugspunkten um eine Wiedergeburt des Mediums.

So auch der Kölner Klaus Fehling, dessen Netztheaterstück „Wizards of Wonderland“ den Themenabend um die Cyberbühne abrundete. Dabei mischt Fehling Stoffe von „Alice im Wunderland“ und „Der Zauberer von Oz“. Ort der Handlung ist nun die Atelierwerkstatt von Charles L. Alan, die von Avataren bevölkert wird und eine Membran zum Cyberspace darstellt. Bei diesem Experiment ging es nun weniger um die Einbeziehung des Zuschauers als um das Spiel mit den Wirklichkeitsebenen des Internets, mit dem realen, dem virtuellen und dem fiktiven Ort.

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