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STERNE IM MEDIENMAINSTREAM

FÜR EINE BESSERE ZUKUNFT DES KÖLNER SCHAUSPIELNACHWUCHSES KÖNNEN AUCH DIE THEATER VIEL TUN

Rund 80-90 Absolventen verlassen jährlich die Kölner Schauspielschulen. Damit sie mit ihrem breiten Profil in der freien Szene Erfolg haben, sollten die Kölner Theater mehr Verantwortung für ihre Mitarbeiter von morgen übernehmen.

Für die 22-jährige Sarah hat gerade das achte und letzte Semester ihrer Berufsausbildung an der Schauspielschule begonnen. Damit ist sie fast am Ziel eines Weges, der für sie bereits mit acht Jahren begonnen hatte. Damals hatte sie sich fest vorgenommen, Schauspielerin zu werden. Nach der Schule begann sie eine Ausbildung an einer privaten Schauspielschule mit staatlicher Anerkennung. Dafür zog sie aus einer Kleinstadt im deutschsprachigen Teil Belgiens nach Köln, schließlich hatte sie einen Traum, den sie verfolgen wollte, koste es, was es wolle. Und es kostet nicht wenig, wie sie feststellen musste. Um die Miete, das Schulgeld und die laufenden Kosten des Lebens bezahlen zu können, arbeitete sie zweimal die Woche in einem Supermarkt, war Babysitterin, gab Nachhilfe und machte einen Promotionjob für einen Zeitschriftenverlag. Seit sie BAföG-Unterstützung bekommt, reicht ihr Job im Supermarkt aus, was ihr etwas mehr Zeit lässt, die sie jetzt im Ausbildungsendspurt auch dringend braucht. Ins Theater geht die angehende Schauspielerin nur noch selten. Dazu fehle ihr die Zeit und die Eintrittskarten seien teuer, erklärt sie. Diese Begründung höre ich immer wieder von den Schülern privater Schauspielschulen.

KEIN GELD FÜR DEN THEATERBESUCH?

Als ich im vergangenen Mai die Teilnehmer meines Workshops zum Thema „Dramaturgie im freien Theater“ an der Theaterakademie nach ihren aktuellen Lieblingsproduktionen auf Kölner Bühnen fragte, war ich von den Antworten der angehenden Diplomschauspieler schockiert. Die Schüler kannten nur sehr wenige Ensembles in Köln, wussten demnach kaum etwas über die Arbeit in der freien Theaterszene und gingen – genau wie Sarah – nur sehr selten ins Theater. Das läge nicht daran, dass sie kein Interesse hätten, erklärten sie mir. Die Begründung der Schüler für ihre mangelhafte Kenntnis der Kölner Theaterszene war erschreckend banal: Die Eintrittskarten seien zu teuer und die meisten von ihnen mussten abends irgendwelche Jobs machen, um sich die Ausbildung überhaupt leisten zu können. In den vier Jahren, die eine Ausbildung im Schnitt dauert, kassiert eine private Schauspielschule von jedem Schüler monatlich zwischen 450 und 500 Euro Schulgeld. Damit kostet ein Schauspieldiplom auf diesem Bildungsweg neben Herzblut und Hingabe die nicht unwesentliche Summe von über 20.000 Euro. Was auf den ersten Blick wie eine unerhörte Ausbeutung junger, hoffnungsvoller Träumer erscheint, ist bei genauerer Betrachtung die normale ökonomische Realität. Den Einnahmen aus den Schulgeldern stehen meist hohe laufende Kosten für Personal, Räume und eine moderne technische Ausstattung gegenüber. Öffentliche Förderung gibt es für diese sogenannten „Ergänzungsschulen“ nicht.

NICHT JEDER WIRD GENOMMEN

Leider tritt Talent nicht immer in Begleitung einer reichen Oma auf. Und nicht jeder, der sich den Besuch einer Schauspielschule finanziell leisten kann, bringt auch die notwendigen Voraussetzungen dazu mit, die Ausbildung schaffen zu können. Zwar haben die Privaten zu Recht den Ruf, gerne auch denen eine Chance zu bieten, die bei den staatlichen Schulen abgeblitzt sind. Das bedeutet aber nicht, dass jeder, der das nötige Geld mitbringt, auch einen Ausbildungsplatz bekommt. Auch die privaten Schauspielschulen verlangen einen Eignungsnachweis, etwa durch das Vorsprechen vorbereiteter Rollen oder die Teilnahme an einem Aufnahmeworkshop. Manch einer, der genommen wird, stellt sich erst dann die Frage, wie er die Ausbildung bezahlen soll und springt wieder ab – oft, um es vielleicht doch noch auf einem anderen Weg zu versuchen. Im etablierten Theaterbetrieb, den Stadttheatern, machen nach wie vor die Absolventen der bekannten staatlichen Schulen das Rennen um die Vakanzen. Die Abgänger der privaten Konkurrenz kommen dagegen eher als Gesichtsverleiher im Bügelfernsehen unter.

UNENDLICHE MÖGLICHKEITEN UNGENUTZT

Aus dieser vermeintlichen Schwäche der privaten Schulen kann man gleichzeitig eine Stärke ableiten. Die Zeit, in der ein Schauspieler ein reiner Dienstleister des Theaters war, ist längst vorbei. Die Anforderungen an die Darstellenden Künstler sind heute wesentlich vielseitiger geworden. Neben den klassischen Einsatzgebieten Bühne, Film und Fernsehen reicht die Bandbreite der Einsatzmöglichkeiten von Performativer Kunst bis zum Computerspiele-Avatar. Die Flexibilität der unabhängigen Schulen bietet dabei die Chance, im Lehrplan auf die besonderen Anforderungen jenseits der großen Bühnen und des Mainstream-Medienbetriebs einzugehen. Ein Schwerpunkt ist dabei die Freie Theaterszene, die immer noch oft als zweite Liga und Auffangbecken für diejenigen missverstanden wird, die es in der Oberliga der Staats- und Stadttheater nicht geschafft haben. Dabei wird übersehen, dass die freie Szene mit ihren besonderen Bedingungen nicht nur Einschränkungen sondern auch viele Freiheiten und Möglichkeiten mit sich bringt, die ganz andere Anforderungen an die Künstler stellen, als der klassische Medienbetrieb und die Theater. Private und unabhängige Schulen haben, anders als die weniger flexiblen staatlichen Institute, die Möglichkeit, ihren zukünftigen Absolventen auch jene Fähigkeiten mit auf den Berufsweg zu geben, die sie brauchen, um in möglichst vielen Bereichen der Darstellenden Kunst erfolgreich zu arbeiten. Das befreit die Absolventen vom Makel der zweiten Wahl und senkt vielleicht die heute noch große Zahl derer, die spätestens mit 40 frustriert den Beruf wechseln.

VERANTWORTUNG ÜBERNEHMEN

Hier ist auch die Theaterszene selbst gefordert, mehr Verantwortung für ihren Nachwuchs zu übernehmen, indem die Theater z.B. Schülern der Kölner Schauspielschulen freien Eintritt in nicht ausverkaufte Vorstellungen gewähren oder ihnen durch (möglichst bezahlte) Hospitanzen einen frühzeitigen Einblick in die Praxis ermöglichen. Denn wer Schauspieler werden will, sollte anderen Schauspielern zuschauen. Und das sollte nicht am Preis der Eintrittskarten scheitern. Hilfreich könnten auch unterstützende Patenschaften der Theater für besonders förderungswürdige Talente sein, nach dem Vorbild der Elevenausbildung, oder die Stiftung eines Szene-Stipendiums für Ausnahmetalente. Denn es gibt sie – Janosch Roloff, der gerade als Regisseur von „V wie Verfassungsschutz“ auch in anderen Städten als Köln Furore macht, erfolgreich als Dramaturg arbeitet („Medea“ am Horizont-Theater, nominiert für den Kölner Theaterpreis) und auch immer wieder als Schauspieler engagiert wird, ist nur ein Beispiel von einigen. Das alles könnte nicht nur die Qualität und den Ruf der freien Schauspielschulen verbessern, sondern die Qualität und die Strahlkraft der gesamten freien Theaterlandschaft aufwerten. Vielleicht ist dann die Kölner Theaterszene bald stolz auf Sarah und ihre Mitschüler. Und vielleicht beruht das dann auf Gegenseitigkeit.

KLAUS FEHLING

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