Luftschiff

Theaterstück im Wartezimmer

03.08.2010 – BODENHEIM Von Jan Strozyk

PORTRAIT

Den Schriftsteller und Dramaturgen Klaus Fehling hat es der Liebe wegen von Köln nach Bodenheim verschlagen

In dem schmucken Haus mit Innenhof aus dem Jahre 1616 wurden früher Reben aus den umliegenden Hängen zu Wein verarbeitet, heute macht Schriftsteller und Dramaturg Klaus Fehling (40) hier Kunst aus Worten. Er und seine Familie bewohnen das Haus seit vergangenem Herbst, es dient außerdem als Büro für seine Firma „Luftschiff.org“, unter deren Label er seine Produktionen vermarktet.

„Der Liebe wegen“ sei er nach Bodenheim gekommen und habe seiner Geburtsstadt Köln den Rücken gekehrt, sagt der hochgewachsene Mann. Er sitzt an seinem Schreibtisch und trinkt eine Tasse Kaffee, neben ihm steht eine Gitarre, auf der anderen Seite ein Babybett. Vor einem halben Jahr haben seine Partnerin Dorothea Reinhold und er einen Sohn bekommen. „Eigentlich wollten Dorothea und ich uns zu einer Sprechprobe für eine Inszenierung treffen. Aus dem Stück wurde damals nichts, dafür haben wir eine Familie gegründet“, sagt Fehling und lacht.

Lange hat der Künstler in Köln gelebt und gearbeitet, hat zusammen mit verschiedenen Theatergruppen Stücke inszeniert, an Büchern geschrieben und Musik gemacht. „Die Kunstszene in Köln ist übersättigt. Da gibt es Stücke, die mögen noch so gut sein, aber es kommen nur Kollegen und Journalisten. Da hilft mir auch eine gute Kritik nicht, wenn niemand da war“, sagt er.

In seiner neuen Wahlheimat sei das Problem eher umgekehrt: „Natürlich ist die Kulturszene hier kleiner, aber sie ist da. Leider geht Bodenheim durch die Nähe zu Mainz etwas unter.“ Dagegen möchten er und andere kreative Bodenheimer etwas tun. „Es fehlt hier ein kulturelles Profil“, sagt er. „Wir haben vor, einen Kulturstammtisch zu gründen, außerdem gibt es einen regen Austausch mit dem Ortsbürgermeister.“

Ein nächster Schritt ist vorbereitet – am 22. September wird er sein Stück „Sigrids Risiken“ in Bodenheim aufführen, passend zum Thema wird es in einer Arztpraxis inszeniert. Mit Renate Ackermann hat er eine international angesehene Regisseurin gewinnen können. „Wir haben 20 Plätze in dem Wartezimmer. Wenn die alle besetzt sind und im Anschluss eine Diskussion zustande kommt, ist mir das mehr Wert, als in Köln eine fast leere Halle mit 30 oder 40 Leuten zu bespielen und am nächsten Tag eine gute Kritik im Stadtanzeiger zu haben“, sagt Fehling.

Die Entfernung zu seiner alten Wirkungsstätte sieht er nicht als Hürde, sondern eher als Chance: „Von den Proben abgesehen, brauchen bei einer Inszenierung nicht alle Mitarbeiter jeden Tag vor Ort sein. Schon vor Jahren haben wir mit Theatergruppen angefangen, virtuell vernetzt zu arbeiten. Eigentlich ist es relativ gleich, wo man ist, solange es dort einen Internetanschluss gibt.“

Sein neues Umfeld hat nicht nur die Voraussetzungen für seine Aufführungen, sondern auch seine alltägliche Arbeit verändert. „Mein Fokus hat sich verschoben. Hier ist es für mich etwas schwieriger, Proben auf die Beine zu stellen oder Mitarbeiter zu finden“, sagt Fehling. Er konzentriere sich nun mehr auf das Schreiben, die Basis seiner Arbeit als Dramaturg: „Ich arbeite nun wieder intensiver für mich selbst.“

Quelle: http://www.allgemeine-zeitung.de/region/mainz/vg-bodenheim/bodenheim/9216017.htm (4.8.2010)

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