Luftschiff

Risiken & NebenwirkungenMarcel Keller urinszeniert Klaus Fehling in Osnabrück

Der Bengel der Geschichte

von Christian Rakow

Quelle: http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&task=view&id=1142&Itemid=40

Osnabrück, 14. März 2007. „Aber es ist auch kein Wunder, / dass Anni schlecht schläft“, sagt Sigrid, eine Frau um die 50, über ihre Mutter. „Sie steht verkehrt herum. / Ich meine, / normalerweise geht man doch rückwärts. / Man hat die Zukunft im Rücken und blickt auf seine Vergangenheit.“ Ah ja. „Das hab ich in einem Buch gelesen. / Ich weiß aber nicht mehr, / von wem und in welchem Zusammenhang.“

Da hüpft noch einmal unser gebildetes, linksintellektuelles Herz: Walter Benjamin, den Engel der Geschichte meint sie! Aber wieso sagt es diese Sigrid nicht? Weil das Großeganze deutscher Geschichte, das die Figuren in Klaus Fehlings Stück „Risiken & Nebenwirkungen“ bewegt, zwar unentwegt mitschwingen soll, jedoch bitte nur unausgesprochen, andeutungsvoll. Da passt die Benjamin-Umschreibung genau ins Bild.

Geschichts- und Generationssstrapazen

Donnerstags besucht Sigrid für gewöhnlich ihre enervierende, stark medikamentensüchtige Mutter Anni (71). Nur nicht an diesem Tag im September 2001; da sitzt sie selbst in einer Arztpraxis und erwartet einen (vermutlich schwerwiegenden) Befund. Anni wiederum, die darüber nicht informiert ist, wartet den Nachmittag lang auf ihre Tochter, ehe der Zivi Robert eintrifft und ihr Gesellschaft leistet. Das Verständnis zwischen Mutter und Tochter ist anscheinend auf dem Nullpunkt; man redet nur noch über Schlafstörungen und Schmerzmittel. An diesem Nachmittag aber erleben wir die beiden getrennt voneinander, und da werden sie redselig.

Lange Monologe hat Fehling seinen Protagonistinnen gegönnt, in denen sie ausgiebig über sich und die Familiengeschichte sinnieren dürfen. Fehling erweist sich als genauer Beobachter der Generationsstrapazen. Mit charmantem Witz lässt er zwei bieder neurotische Charaktere entstehen, die nahezu alle Ressentiments und Klischees vertreten, für die man sich auch gern in der eigenen Familie schämt. „Man muss mit den Wölfen heulen“; „Wenn eine Tochter stirbt, spürt das eine Mutter“ – so lässt Fehling, in der Manier des Stimmenimitators, Allerweltsklugheit daherfaseln. Und auf dieser Ebene zeigt sich sein Stück durchaus tragfähig. Doch will er mehr.

Den Kummer von der Seele dopen

Sigrid, so erfahren wir nach und nach, war RAF-Sympathisantin und 10 Jahre lang in der DDR untergetaucht. Warum das alles? Na, ihr – vielleicht nicht einmal leiblicher – Vater war Nazi. Und hier hört denn auch die Plausibilität auf. Dass die Ex-Aktivistin zur guten Pflegetochter für ihre nach wie vor geschichtsvergessene Mutter werden sollte, dass sie überdies selbst ihren Walter Benjamin (!) verdrängt hat und noch einiges mehr, das lässt sich psychologisch nicht einholen.

Hier sucht das Stück eine allegorische Bedeutung, will es zum Zeichen nachkriegsdeutscher Mentalität werden. Die Trümmergeneration hat sich mit reichlich Sedativa den Kummer von der Seele gedopt (deshalb die Medikamentensucht der Mutter) – okay. Aber dass sich die 68er noch derart am Gängelband der Alten befinden sollten, ist weniger überzeugend. Mag sein, Klaus Fehling (Jahrgang 1969) ficht hier einen Strauß mit seiner eigenen Elterngeneration aus. Als Geschichtsthese ist seine Kontinuitätserzählung zu leichtgewichtig.

Gespenster und Wirklichkeit

Marcel Keller, der nicht zum ersten Mal eine Uraufführung eines Fehling-Stückes besorgt, erdet das gesamte Unterfangen – und gewinnt so einen sehr erfrischenden Abend. Seine Sigrid sitzt in unseren Reihen, blickt mit uns auf eine riesige Spiegelwand. Die Nähe überzeugt. Christina Dom lässt Sigrid in einem fort daherplappern, munter und unbedarft, wie Mütter an Kita-Elternabenden. Dann hebt sich die Wand und die elterliche Wohnung erscheint, alle Möbel aus grauem Filz wie schon das Kostüm von Sigrid (Ausstattung ebenfalls von Keller). Mutter und Tochter – ein filziges Herz und eine Seele. Katrin Stephan wagt als Anni einen vom Aussterben bedrohten Kammerspielton, singt jede Silbe, kostet die Verssprünge genüsslich aus (die Ossis kamen: „in den Straßen stank es / nach diesen Autos“) und streicht so reichlich gute Stimmung ein.

Richtig lebendig wird sie, wenn Laurenz Leky (als Robert) eintrifft, in dessen jungfräulicher Unversehrtheit man noch ein wenig wühlen kann. Robert ist der Paradeossi mit russischem Akzent, in Jeans, weißen Tennissocken und Klettverschluss-Sportschuhen. Ein Sonnengemüt, das entsprechend beiläufig einen der zentralen Gedanken droppen kann. Im PC-Spiel „Sims“ (wo man, wie er hofft, auch Frauen kennen lernt) sei ihm unlängst ein Geist begegnet, erzählt er enthusiastisch.

Für Anni ist das Gespenstische viel realer: Robert selbst erinnert sie an eine Jugendromanze auf einem Trümmerhaufen anno 1948. „Wie wird man so ein Gespenst wieder los?“, fragt Anni. Robert weiß es nicht; ein Systemabsturz in seinem Rechner genügte, und der Geist war weg. Wie gut für den Chronisten deutscher Geschichte, dass das im Leben anders zu sein scheint: In Fehlings Stück haben die Gespenster aus Annis Jugend alle Systemabstürze von ’68 über ’89 bis 9/11 gut überstanden.

Risiken & Nebenwirkungen, UA von Klaus Fehling Regie, Bühne, Kostüme: Marcel Keller; Dramaturgie: Jürgen Popig; Soufflage/Stimme über Mikro: Tanja Moormann; Mit: Christina Dom, Katrin Stephan, Laurenz Leky

http://theater.osnabrueck.de

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