Luftschiff

Kölner Stadtanzeiger vom 2. Juli 2005 über Was wird mit Gott wenn ich tot bin?:

„evoe“ im artheater – Es muss einiges schief gelaufen sein unter Daniel Moritz Gottlob Schreber, dem Reformpädagoge: Vier seiner sechs Kinder landeten in der Psychiatrie. Sohn Daniel Paul schrieb vor hundert Jahren mit den „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ gegen die Entmündigung an. Der Text dient dem Ensemble „evoe:performing:artists“ beim Kulturfestival „Sommerblut“ als Basis für ein Theater des Grauens. Regisseur André Erlen lässt nichts aus, um Schrebers Autobiografie des Wahns in eine Atmosphäre des Wahnsinns zu übersetzen. Der Bühnenraum – irgendetwas zwischen Anstalt, Gerichtsmedizin und Folterkammer. Während Bernd Rehse den fanatischen Professor mimt, ringt Monika Barth als Dr. jur. Daniel Paul Schreber, einem umdunkelten Kaspar Hauser gleich, mit dem Gefängnis des Denkens, mit der „Wolllust“ des Leibes und göttlichen „Strahlen“. Diese Inszenierung hat die Parzellen der Neurosen stimmig eingerichtet und legt die Körperfeindlichkeit der Jahrhundertwende bloß. Allein an Leichtigkeit und ironischer Distanz zu Schrebers überspannter „Nervensprache“ fehlt es ihr. Alles furchtbar ernst. Auf- und anregend. Anstrengend manchmal auch. (AK)

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