Ein Brief an Pe

2010 im Mai

Liebe Pe,

dies ist einer der Briefe, die ich dir schreiben und niemals abschicken werde. Wie viele es am Ende sein werden, weiß ich nicht. Ich schreibe sie meistens in der Nacht, wenn mein Geflatter die Gedanken nicht hindert und die Starre nicht den Kopf erreicht. In meiner Lage ist der Schlaf eine Währung und alles, was geblieben ist, hat seinen Preis. Es könnte nichts wertvoller sein, als die richtigen Worte zu finden.

Aber einer wie ich ist gut beraten, keine großen Feuer anzuzünden. Ich weiß doch längst, dass es besser ist, alles so zu lassen, wie es ist. Ich weiß, wie wichtig es ist, Glücksspiel zu vermeiden und habe gelernt, jedem intensiven Gefühl mit Misstrauen zu begegnen. Ich weiß, mein Schiff fährt besser auf ruhiger See und auch die Ärzte mahnen zu einem geregelten Alltag. Vor mir liegt immerhin ein Weg, auf dem man noch immer geradeaus gehen kann – wenn man nur einen Fuß vor den anderen setzt und die Schritte nicht zu groß macht.

Der Preis, den ich auch dafür drei mal täglich zahle, ist hoch. Was ich dafür bekomme, ist unschätzbar. Es trägt mich wie salziges Wasser immer über Grenzen hin und her. Ich kaufe Beweglichkeit zu schwankendem Kurs und bezahle mit meinem Gleichgewicht.

Aber ich kann über Zäune springen. Wieder. Und wieder. Und du weißt, dass die ersten Prognosen anders waren. Wenn du kannst, dann stell dir vor: Ich kann jetzt auch Straßen überqueren ohne Angst. Vielleicht werde ich den nächsten Brief sogar mit der Hand schreiben. Und Du könntest jedes meiner Worte entziffern. Dafür ist kaum ein Preis zu hoch. Aber so wie diesen werde ich auch den nächsten Brief an dich nicht abschicken. Wer schon kleinen Wellen nicht mehr standhält, sollte keine Steine ins Wasser werfen.

Es ist, als hätte sich irgendwo auf dem Weg die Zukunft von der Vergangenheit getrennt. Es war wohl der Moment, in dem es plötzlich jemand für mich ausgesprochen hat. Diese Sekunde vor mehr als fünf Jahren, in der ich auf einmal so viel älter geworden bin, lag bereits irgendwo in der Mitte des Weges. Wo der anfing und wo der enden wird, wissen auch die Ärzte nicht.

Heute ist es nur noch ab und zu ein Kopf, der sich im Vorbeigehen zu mir umdreht, das Gefühl der Gewissheit, Blicke die mich mustern und das Misstrauen der Arzthelferinnen. Das meiste Andere scheint echt zu sein, aber jemand wie ich kann sich darauf ebenso wenig verlassen, wie auf sich selbst. Und für so vieles gibt es keine Worte. Auch nicht in der Nacht. Das ist keine Frage des Preises.

Bis bald, liebe Pe,

und gute Nacht

K.

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