Über Inseln

Immer wenn ich unvoreingenommen über Inseln nachdenken will, kommt schnell ein anderer Gedanke halbstark und laut daher, fegt unhöflich alles andere vom Tisch und rammt seinen Enterhaken in die Tischplatte: Piraten! Seeräuber! Freibeuter! Inseln, egal wo und zu welcher Jahreszeit, sind für mich untrennbar mit Piraten verbunden. Auf den Inseln der Piraten gibt es geheimnisvolle Höhlen, in denen Kisten voller erbeuteter Schätze versteckt sind, hier bringen im Schutz des Nebels verwegene Burschen mit Augenklappen im Gesicht ihre Beute an Land. Manche von ihnen haben im Kampf eine Hand verloren und tragen nun einen polierten Haken als Ersatz. Nachts sitzen sie am Strand auf Schatzkisten beim Lagerfeuer und schütten große Mengen Rum – vorzugsweise gemischt mit einer Prise Schießpulver – in ihre unrasierten lachenden Gesichter. Die Totenkopfflaggen ihrer schnellen Schiffe immer im Blick feiern sie die Freiheit.Jedesmal, wenn ich das Festland in Richtung irgendeiner noch so kleinen Insel verlasse, überkommt mich genau so ein Abenteuergefühl der Freiheit. Das ist eigentlich merkwürdig: Was hat eine Insel mit Freiheit zu tun? Umgeben von einer unfassbaren Menge Wasser ist sie eher ein Ort, von dem man so leicht nicht entkommen kann.

Aus den gleichen Gründen, die sie zum geeigneten Gefängnis machen, ist eine Insel aber auch ein ideales Rückzugsgebiet. Uneinnehmbar und möglichst ohne Flughafen. Bei schlechtem Wetter kommt nichteinmal das Postschiff. Das ist es was mich an einer Insel fasziniert.

Bereits auf der Zugreise, zwischen all den ‚Schönes Wochenende‘- Touristen mit ihren Badematten und Schlafsäcken, schließe ich die Augen und stelle mir vor, wie ich stundenlang am Strand auf einem Felsen sitze und den Wellen zusehe und mich frage, ob es die siebente oder die neunte Welle ist, die angeblich am stärksten ist. Ab und zu wirft das Meer ein seltsames buntes Tier, eine Flaschenpost oder ein morsches Stück Holz an Land. Mit jeder Welle erzählt die See einen Teil ihrer Geschichte, ohne jemals zu viel zu verraten. Die wahren Geheimnisse behält sie in der Tiefe für sich. Und die Tiefe ist von keinem Punkt der Insel aus weit weg. Das Meer weiss, wie man sich interessant macht.

Draußen am Horizont sehe ich, wenn ich die Augen etwas zusammenkneife, die großen Schiffe, die mich nicht erreichen können. Die gar nicht wissen, dass ich hier bin – der Pirat auf der Insel. Ich bin in Sicherheit. Und nur jemand vom Schlage eines Klaus Störtebeker oder einer Mary Read kann mich hier stören. Aber warum sollten sie das tun? Die hätten genug damit zu tun, irgendwo auf ihrer eigenen Insel zu sitzen, Rum mit Schießpulver zu trinken, und Piratenlieder zu singen. Das wichtigste an einer Insel ist eben das Wasser drumrum. Das wissen auch die Piraten. Vermutlich haben die Freibeuter der Meere eine ähnlich gelagerte Vorliebe für möglichst große Wassermengen zwischen ihnen und dem Rest der Welt, wie ich sie habe.

Beim Aussteigen werde ich mich darüber wundern, mit dem Zug auf einer Insel angekommen zu sein, und es wird mir vorkommen, als hätte man mich ums Geschenkeauspacken betrogen.

Vermutlich werde ich an den Souvenierbuden und Internetcafes vorbei die Strandpromenade entlanglaufen und dort den Horizont des Meeres absuchen, nach der typischen Flagge: Roter Schädel mit gekreuzten Knochen auf schwarzem Grund. Und auch wenn ich sie dort sicherlich nicht finden werde: Ich werde wissen, dass sie da sind. Vielleicht wird mir sogar einer von ihnen aus der Touristenmenge auf der Promenade zuzwinkern. Alle Inseln sind Pirateninseln.

Klaus Fehling
Im Dezember 2001

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