Nicht mein Bein (Hörstück)

Nicht mein Bein wurde als Hörspieltext für eine Produktion des Westdeutschen Rundfunks (Mit: Samuel Weiss, Bernd Kuschmann, Andreas Laurenz Maier, Sigrid Burkholder, Volker Risch, Ernst August Schepmann. Regie: Jörg Schlüter. Ursendung: 30. Januar 2007 im Programm von WDR 5) geschrieben. Es ist der Bericht eines jungen Menschen, der an einer unheilbaren Krankheit leidet, die für gewöhnlich nur alte Menschen betrifft. Die Diagnose „Morbus Parkinson“, die er mit Mitte dreißig erhält, lässt ihn die Jahre vom ersten Zittern seines Beines bis zu dem Tag, an dem er endlich eine Erklärung erhält, noch einmal neu bewerten. Was hätte er anders gemacht? Was wäre vielleicht anders ausgegangen wenn er es früher gewusst hätte?

Personal

ER, Mitte bis Ende dreißig, männlich.
ARZT 1-4, unterschiedliche Expertinnen und Experten verschiedenen Alters.
ALTER MENSCH

Situation

Draußen, belebt, evtl. Fußgängerzone, in Bewegung,
oder im Text vorgegebene Atmo (Großraumbüro, Party, Café, Arztzimmer, Krankenhaus, usw.)

ER:
Ich kann es noch immer
nicht erklären
aber
ich erinnere mich noch an den Anfang.
Von heute aus betrachtet
ist er deutlich erkennbar.

Vor acht Jahren
verstand ich plötzlich
für kurze Zeit
mein Bein nicht mehr.

Ich dachte:

[Atmo: Großraumbüro]

Das ist nicht mein Bein.
Es benimmt sich nicht so.
Es will nicht stillhalten.
Als ob es einen ganz eigenen Willen hätte, dieses Bein.
Es ist aber eines
von meinen beiden
Beinen.
Das linke.
Es gehört ganz eindeutig mir. Kein Zweifel.
Aber im Moment
hört es nicht auf mich
so wie sonst
und wie das andere,
das rechte Bein.
Seltsam.

[Atmo aus]

ER:
Es zitterte.
Wenn ich mich konzentrierte
hörte es damit auf
unter Protest
und fing wieder an,
sobald ich an etwas anderes dachte.
Das kannte ich nicht.
So etwas hatten meine Beine vorher noch nie gemacht.

Ich erinnere mich daran,
dass ich dachte:

[Atmo: Großraumbüro]

Wie soll ich denn so arbeiten?
Zum Glück
kann mich keiner sehen.
Ich mache eine Pause,
trinke einen Kaffee
und entspanne mich.
Ich habe mir zu viel zugemutet
in der letzten Zeit.
Sicher.
Ich stecke das nicht mehr so weg.
Ich werde immerhin bald dreißig.
Zu wenig Sport
und vielleicht zu viel Bier,
dachte ich.
Mit dem Rauchen habe ich aufgehört
ganz ohne Probleme
von einem auf den anderen Tag
vor mehr als einem halben Jahr.
Daran kann es nicht liegen.
Ich dachte:
Ich muss mal meine Sitzhaltung überprüfen.
Mehr Pausen machen.
Auf mich acht geben.

[Atmo aus]

ER:
Dann hatte es sich wieder beruhigt,
das Bein.

Bald dachte ich nicht mehr daran
und lebte mein Leben weiter.
Die Fahrer der Busse,
mit denen ich täglich zur Arbeit fuhr,
ließen sich allerdings immer weniger Zeit
die Türen zu schließen.
Manchmal schaffte ich es kaum
einzusteigen.

Die tägliche Arbeit im Büro
ging mir von Woche zu Woche
weniger leicht von der Hand
In diesem Sommer
vor acht Jahren,
der mir so unerträglich
heiß erschien.

Die Kollegen.
Mein Chef.
Die Kunden auf der Messe.
Ich war froh, dass ich mein Büro
mit niemandem teilen musste.
Hinter der verschlossenen Tür
bemerkte ich,
dass mir das Überzeugen
nicht mehr so gelang
wie früher.

Aber damals
am Anfang
dachte ich, das geht wieder vorbei.
Schließlich weiß man ja, was man kann.
Und Fahrradfahren verlernt man ja auch nicht
plötzlich
einfach so.

Ich mache oft
einen unfreundlichen Eindruck.
Arrogant.
Manchmal auch ängstlich.
Dabei bin ich innen meistens mutig
und freundlich.

Ich lebe in einem Teil dieser Stadt
in dem es viele Dönerläden
und Fitnesscenter gibt –
wo der Ton auf der Strasse
oft rau ist
Einer,
der keinem Augenstechen standhält
guckt hier lieber zu Boden
und gibt Acht
dass ihm keiner auf die Schulter klopft.
Ich habe meinen Körper immer bei mir.
Wie einen nassen Mantel.

[Atmo: Party]

Tanzen?
Nein. Ich tanze nicht.
Keine Lust.
Tut mir leid.

[Atmo aus]

ARZT 1:
Es lässt sich nicht aufhalten.

ER:
Meine Schrift kann kein Mensch lesen.
Dabei gebe ich mir schon die größte Mühe.
Was soll denn das Gekrakel bedeuten,
fragen die Leute
Können Sie das etwa lesen?
Ja. Das kann ich.
Das ist doch die Hauptsache, oder?
Sie ist schlechter geworden, meine Handschrift.
Um die Wahrheit zu sagen,
kann manchmal nicht mal ich selbst
mein Gekrakel entziffern.
Wird immer kleiner.
Muss wohl mehr üben
trainieren
nicht locker lassen.
Dann wird das wieder besser werden,
dachte ich lange.

ARZT 1:
Es beginnt meist zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr, trifft mehr Männer als Frauen.

ER:
Es war leise gekommen
und wohl schon eine Weile bei mir
als ich es nach und nach bemerkte.
Zum Beispiel vor ein paar Jahren
als ich Kaffee holte.

Ich sehe mich noch:

[Atmo: Café mit viel Publikum]

Zwei volle Tassen.
In jeder Hand eine.
Ich habe es ihr selbst angeboten,
ihr eine Tasse Kaffee mitzubringen.
Ist doch selbstverständlich.
Dann brauchen wir nicht beide in der Schlange an der Kasse stehen.
Ich mach das schon.
Schon auf den ersten Metern verschütte ich etwas.
Die sind aber auch voll.
Mit sehr heißem Kaffee.
Aber es glotzen ja sowieso schon alle
so kommt es mir vor.
Jetzt nicht die Fassung verlieren
wegen einem bisschen heißen Kaffee,
der mir von den Fingern tropft.
Je mehr ich mich auf meine Hände konzentriere,
desto mehr zittern sie.
Dabei sind sie doch sonst so zuverlässig,
warum denn jetzt…?
Es geht nicht.
Ich muss das
abstellen.

[Atmo aus]

ER:
Bestimmt starren alle.
Ich stelle beide Tassen
vorsichtig ab.
Ein Schütteln geht durch meinen Körper.
Ich nehme erstmal die eine
und lasse die zweite stehen.

ARZT 1:
Durch das Absterben dieser Zellen im Hirnstamm kommt es zu einem Mangel an einem Botenstoff mit dem Namen Dopamin, was letztlich zu einer Verminderung der aktivierenden Wirkung der Basalganglien auf die Großhirnrinde führt. Das Absterben dieser Zellen kann viele Gründe haben.

ER:
Die anderen Menschen auf der Straße gehen immer schneller.
Oft komme ich kaum mit,
so schnell sind die.

Und man wird immer häufiger angerempelt.

[Atmo: Arzt-Wartezimmer]

Ich zeige eben nicht immer,
was in mir ist.
Manchmal zwinge ich mich
von innen nach außen
zu einem freundlichen Gesicht.
So wie ich mich auch manchmal zwinge
bei Gehen mit den Armen zu schwingen.
Ich habe sogar schon mal im Spiegel…
Aber das ist auf die Dauer sehr anstrengend.
Und nicht alle können damit umgehen.

[Atmo aus]

[Stift auf Papier]

ER:
Liste der Dinge, die nicht mehr gelingen:
Auf einem Bein hüpfen.
Hula-Hoop-Reifen länger als 5 Sekunden auf Hüfthöhe halten.
Skateboard fahren.
Still stehen.
Gerade Linien zeichnen.
Schnell laufen.

Der Arzt sagt, ich soll mir keine Sorgen machen.
Das kann tausend Ursachen haben, sagt er.
Vielleicht zu viel Stress.
Ich habe oft Stress.
Ja.
Der Arzt fragt mich, ob ich Sport treibe
und blickt gespielt ernst, als ich das verneine.
Außerdem empfiehlt er eine Psychotherapie.

Ein anderer gibt mir ein Rezept.
Dreimal täglich zwei,
sagt er.
Und wünscht mir alles gute.

[Atmo: Apotheke, Öffnen einer Schachtel, Auseinanderfalten des Beipackzetteels]

(liest)
»Klinische Angaben:
Anwendungsgebiete:
Depressive Erkrankungen, wenn die Behandlung mit einem anderen Antidepressivum erfolglos war.«

Ich bemerke
zum Beispiel beim Zähneputzen
eine unnatürliche Haltung meines linken Armes
und meine Zehen schmerzen ständig in den Schuhen
so verkrampft sind sie.

Aber Depressionen?

Alles kommt nicht mehr so einfach vor.
Und die Schwierigkeiten nehmen zu
im Kontakt mit den Nachbarn,
Vermietern,
Arzthelferinnen,
Kassiererinnen und Kassierern,
beim Friseur
und in der Dönerbude,
in der Post, im Treppenhaus,
mit den Kindern meiner Schwester
Und auf der Arbeit.
In der Oper
und im Kino
kann ich meine Beine nicht still halten.

[Stift auf Papier]

Liste der Dinge, die nicht mehr gelingen:
Ein volles Glas tragen, ohne etwas zu verschütten.
Mikado.
Ins Schwarze treffen.
Tanzen?
Ich konnte noch nie…

ARZT 1:
Die betroffenen Zellen sind für die Steuerung der automatischen Bewegungsabläufe, wie Gehen, Laufen, Springen oder Schwimmen zuständig – und für die aufrechte Körperhaltung.

ER (liest):
»Gegenanzeigen:
Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff…, akute Alkohol-, Schlafmittel- Analgetika- uund Psychopharmaka-Intoxikationen…«

Einer hat mich mal gefragt
ob ich trinke.
Alkohol, hat er vermutet.
Der hat mein Zittern gesehen
und was anderes ist ihm dazu nicht eingefallen.
Natürlich fand ich das unverschämt.
Nein,
habe ich gesagt.
Ganz freundlich habe ich das gesagt.
Mehr Widerstand ging nicht.
Ich bin ganz freundlich geblieben.
Beinahe hätte ich mich noch entschuldigt –
dafür das ich nicht trinke
und trotzdem zittere.
Immerhin hat der überhaupt gefragt.
Andere denken sich einfach was.

(liest)
»…maniforme Psychosen…
Hirnorganische Erkrankungen, Morbus Parkinson, …«

Der Gedanke, dass ich trinke,
ist dabei noch einer der harmlosesten.
Andere könnten denken,
ich hätte etwas ausgefressen,
wäre vielleicht nervös deswegen.
Oder wütend.
Oder nicht zurechnungsfähig.
Dabei bin ich doch innen ruhig
und niemals aggressiv.
So bin ich nicht.
Anders bin ich.

(liest)
»Nebenwirkungen: Übelkeit, Mundtrockenheit oder übermäßige Speichelsekretion, Transpiration, Kopfschmerzen, Schwindel, Müdigkeit, herabgesetzte körperliche Aktivität sind häufig… gelegentlich Appetitsteigerung, Gewichtszunahme, extrapyramidal-motorische Störungen, wie z.B. Tremor, Rigor und Akinese im Extremitäten- und Gesichtsbereich, Zungen-Schlund-, Blick- und Kiefermuskelkrämpfe, Schiefhals, Versteifung der Rückenmuskulatur…«

[Die Medikamentenschachtel fliegt in einen Mülleimer]

Ich habe Strategien entwickelt
nicht aufzufallen.
Damit ich nicht in Verdacht gerate
etwas zu verbergen zu haben.
Damit man das Zittern nicht sieht
setzte ich mich auf meine Hände.

[Tippen auf Tastatur]

Fortsetzung der Liste:
Auf einem Bein stehen.
Mit dem Füller schreiben.
Ohne Angst Fahrrad fahren.
Cocktails schütteln.
Erregung verheimlichen.
Bei einem Vorstellungsgespräch bestehen.

[Ende Tippen]

Die Depressionen sind nicht das Problem.

[Atmo: Party]

Ich bin lange nicht mehr
gefragt worden
ob ich tanzen will.

[Atmo aus]

ARZT 1:
Es handelt sich um einen selektiven, progredienten Untergang dieser Zellen.

ER:
Ich habe auch schon mal einen Bus
wegfahren lassen
und lieber auf den nächsten gewartet.

ARZT 2:
Einen abtrennenden und fortschreitenden Untergang
dieser Zellen.

ER:
Merkwürdig.
Man wird viel schneller alt,
als man denkt.
Ich fühle mich nicht
wie Mitte dreißig.

Ich habe sogar Verständnis für die grimmigen Alten,
die man immer in der Stadt oder in der Bahn sieht –
mit den Schlechte-Laune-Gesichtern,
die ich denen mit zwanzig noch persönlich übel genommen hätte.
Schließlich hatten wir denen ja nichts getan.

Heute stelle ich mich auch schon mal
in die Lichtschranke der U-Bahntür,
um auch die, die da grade erst die Rolltreppe runter kommen,
noch einsteigen lassen zu können.

ALTER MENSCH:
Danke, junger Mann.

ER:
Gerne.

ARZT 2:
Die drei Hauptsymptome sind
Rigor, Tremor und Akinese.

ER:
Manchmal will ich dir etwas sagen.
Etwas wichtiges.
Ich spucke es aus
und lasse es frei
als wären es junge Hunde,
die, sobald sie los sind,
nicht mehr auf mich hören
und einfach davon laufen.

Und du bist dann irritiert,
weil aus dem Ängstlichen
so etwas mutiges kommt.
Das ist schwer zu bewerten.

[Atmo: Party]

Doch.
Ich tanze gerne.
Lieber tanze ich aber
für mich allein.

[Atmo aus]

ER:
Es ist schwer,
überzeugend zu sein,
mit schlotternden Beinen.

Das geht so nicht weiter.

[Tippen auf einer Tastatur]

Liste der Dinge, die nicht mehr gelingen:
Kartoffeln schälen.
Rückwärts gehen.
Stolpern ohne hinzufallen.

[Atmo: ein anderes Arzt-Wartezimmer]

ER:
Auch die Fachleute wissen keinen Rat
und verschreiben mir Mittel gegen Schizophrenie
– die ich nicht nehme –
oder lassen mich tanzen:
bei geschlossenen Augen mit dem Finger die Nase treffen,
auf einem Bein hüpfen
durchs Zimmer gehen.
Lassen Sie mal locker,
sagen Sie.
Entspannen Sie sich.
Sie brauchen keine Angst haben.
Ich bin mir mir da zwar nicht so sicher,
habe aber trotzdem keine Angst.

Dann verschreiben sie Beta-Blocker.
– die ich nehme –
Ich bin ja erst mitte dreißig.
Viel zu jung für…

[Atmo aus]

ARZT 2:
Muskelstarre, Zittern und Bewegungsarmut.

ALTER MENSCH:
Hören Sie mal.
Sie können ruhig auch mal ein freundliches Gesicht machen,
junger Mann.

ER:
Die Betablocker verbessern das Zittern ein bisschen.
Es ist etwas, das mir hilft.
Aber immer häufiger scheitere ich in alltäglichen Begegnungen,
gehe immer seltener vor die Tür
und bemühe mich, immer genug Bargeld bei mir zu haben,
um an der Kasse nicht mit der Plastikkarte bezahlen zu müssen;
weil man mir oft sogar
nicht einmal
meine Unterschrift glaubt.

Ich will ihn nicht ertragen,
diesen misstrauisch prüfenden Blick
von der Unterschrift in mein Gesicht,
zur Karte in mein Gesicht,
zur Unterschrift,
ins Gesicht,
auf meine zitternden Finger,
Beine, Karte, Gesicht…

Ich bemühe mich, zu lächeln.
Ich lege mir Antworten zurecht
auf Fragen, die mir nicht gestellt werden.

Ich lasse mir einen Bart wachsen.
Auch, weil das Rasieren nicht mehr so gut klappt.

[Langsameres tippen auf einer Tastatur]

Fortsetzung der Liste:
Rasieren.
Nägel schneiden.

ARZT 2:
Hemd zuknöpfen?

ER:
Das geht noch.
Gitarre spielen auch.

[ Johnny Cash spielt „Rusty Cage“ (LP: Unchained) von den ersten Akkorden bis zum zweiten Refrain]

You wired me awake
And hit me with a hand of broken nails
You tied my lead and pulled my chain
To watch my blood begin to boil
But Im gonna break
Im gonna break my
Im gonna break my rusty cage and run
Too cold to start a fire
Im burning diesel burning dinosaur bones
Ill take the river down to still water
And ride a pack of dogs
Im gonna break
Im gonna break my
Im gonna break my rusty cage and run

ER (leise):
I am gonna break
I am gonna break my
I am gonna break my rusty cage and run

Mein Gesicht kündigt mir die Freundschaft
und weigert sich, für mich zu lächeln.

ARZT 3:
Wie bitte?
Wenn Sie so leise sind,
kann ich Sie nicht verstehen.
Sie müssen lauter sprechen.

ER (wieder normal laut):
Es wird deutlicher.
Und bergauf wird immer Steiler.

ARZT 1:
Durch den Mangel an Dopamin kommt es zu einem relativen Acetylcholinüberschuss und zu einem Mangel an Serotonin und Noradrenalin. Diese Stoffe werden im Gehirn gebraucht, um Impulse zwischen den Nerven weiterzuleiten. Wenn sie nicht ausreichend vorhanden sind kommt es zu massiven Einschränkungen im motorischen, psychischen, sensorischen und vegetativen Bereich.

ER:
Ich brauche für ein Drehung dreizehn kleine Schritte.
Ich mache mich auf die Suche nach den Ursachen.

(liest)
„Kommt es vor, dass Ihre Hand zittert, obwohl sie entspannt aufliegt?
Ist ein Arm angewinkelt oder schlenkert beim Gehen mit?
Haben Sie eine vornüber gebeugte Körperhaltung?
Haben Sie einen leicht schlurfenden Gang oder ziehen Sie ein Bein nach?
Haben Sie einen kleinschrittigen Gang und kommt es häufig vor, dass Sie stolpern oder stürzen?
Leiden Sie an Antriebs- oder Initiativemangel?
Haben Sie häufig Rückenschmerzen im Nacken-Schulter-Gürtelbereich?
Haben Sie bemerkt, daß Sie sich von Ihren Freunden und Angehörigen zurückziehen, dass Sie Kontakte meiden und zu nichts Lust haben?
Haben Sie Veränderungen in Ihrer Stimme bemerkt? Ist sie monotoner und leiser als früher oder hört sich heiser an?
Haben Sie eine Verkleinerung Ihrer Schrift bemerkt?“

Ja.
Ja.
Ja.

(liest)
„Wenn Sie mehr als drei Fragen mit ja beantworten…“

Ja, verdammt.
Ich muss etwas unternehmen.

[Atmo: Arztzimmer]

ARZT 3:
Die höchsten Konzentrationen an dopaminergen Neuronen werden in den Basalganglien und im frontalen Kortex angetroffen. Innerhalb der Schaltkreise der Basalganglien kann mit 18-F Dopa-PET die Funktion der dopaminergen Neurone der nigro-striatalen Bahn bestimmt werden. Die nigro-striatale Bahn ist ein Nervenbündel, bestehend aus dopamin-produzierenden Nervenzellkörpern im Kerngebiet der Substantia nigra und neuronalen Verbindungen mit dopaminhaltigen Nervenendigungen im Kerngebiet des Striatums.
Das mit 18-F markierte Dopa ist eine Blut-Hirn-Schranken gängige Vorstufe des Botenstoffs Dopamin und wird von der Dopa-Decarboxylase, einem Enzym der Dopaminsynthese, zu Dopamin metabolisiert. Dieser Syntheseschritt erfolgt vorrangig in den striatalen Nervenendigungen der nigro-striatalen Bahn. Folglich lässt das im Striatum gemessene 18-F Dopa-PET Signal auf den Dopaminmetabolismus dieser Neurone schließen.

Die Messung des 18-F Dopa-Signals erfolgt über die Bestimmung der 18-F Dopa-Einflusskonstante, die nach Durchführung von multiplen sequentiellen Aufnahmen mit Hilfe des Patlak Plots berechnet wird.

ER:
Was heißt das?

ARZT 3:
Zur endgültigen Abklärung der Diagnose wird Ihnen eine mit Fluor-Isotopen markierte L-Dopa-Lösung in die Vene gespritzt. Das markierte L-Dopa wird im Gehirn aufgenommen und ins Dopamin umgewandelt. Das reichert sich in dem sogenannten „Streifenkörper“ an.

ER:
Nervenbündel.

ARZT 3:
Und dann werfen wir einen Blick in ihr Gehirn.

ER (tippt auf einer Tastatur):
In der fahrenden U-Bahn eine Fahrkarte aus dem Automaten kaufen.
Spaghetti essen. Ohne Sauerei.
Auf dem Rücken liegen und die Beine stillhalten.
Den Mut haben, die Sache anzugehen.

[Atmo: Krankenhaus, MRT-Geräusche]

ER:
Den Mut haben, die Sache anzugehen.

Drei mal neunzig Minuten
mit einem schnell zerfallenden Isotop.
Nicht bewegen.
Alle paar Minuten nimmt mir jemand Blut ab.
Der Kopf ist mit Klebeband fixiert.
Damit die Spezialisten
später auf den Bildern auch etwas sehen können
von dem, was in meinem Kopf vorgeht.

Die Bilder sind blau
und gelb
und rot.
Und unregelmäßig.

Die Ärzte fragen
ob ich Depressionen hatte –
das wäre typisch für den Beginn der Krankheit –
und lassen mich in der Luft Klavier spielen.
Die Pfleger fragen
ob ich Stuhlgang hatte –
das wäre sehr wichtig, darauf müsse man achten –
und messen meinen Blutdruck.
Ab und zu kommt der Assistenzarzt
mit einem Rudel Medizinstudenten
an mein Bett.
Die Sozialtherapeutin fragt,
ob ich Hilfsmittel für die täglichen Verrichtungen im Haushalt brauche, oder vielleicht eine Gehhilfe.
Mein Fall ist für alle interessant
Auf Station fünf bin ich
mit 36
der jüngste.

[Atmo aus]

[Ein Diktiergerät wird eingeschaltet]

ARZT 4:
Zur aktuellen Anamnese ist zu berichten, dass der Patient vor acht Jahren ein Zittern im Bereich des linken Beines verspürt habe. Dieses habe sich dann im Verlauf langsam progredient auf das rechte Bein sowie auf beide Arme ausgeweitet. Zusätzlich gibt der Patient eine ausgeprägte Steifheit der Extremitäten an, beklagt Muskelkrämpfe, eine Zunahme des Zitterns bei Aufregung, sowie eine Veränderung der Schrift.

In der psychischen Untersuchung fand sich ein wacher, bewußtseinsklarer, allseits orientierter Patient.

[Diktiergerät aus]

[Atmo: Station 5, Neurologie]

ER:
Aber hier in der Klinik scheint man mich wenigstens ernst zu nehmen.

[Das Abendessen wird gebracht]

Zum Abendessen bekomme ich fertig belegte Brote, bereits in zwei Hälften geschnitten.
Gestern, als ich aufgenommen wurde, durfte ich mir mein Brot noch selber schmieren.

[Atmo aus]

[Ein Diktiergerät wird eingeschaltet]

ARZT 4:
In der neurologischen Untersuchung fand sich ein rechtshändiger Patient ohne Meningismus. Hirnnervenstatus unauffällig. Die Muskeleigenreflexe sind an der oberen Extremität seitengleich mittellebhaft, an der unteren Extremität seitengleich lebhaft erhältlich. Spastische Zeichen fehlen. Keine Paresen. Sowohl an der oberen als auch an der unteren Extremität ein rechtsbetonter Rigor. Dysdiadochokinese linksbetont. Koordination in Finger-Nase-Versuch und Knie-Hacke-Versuch regelrecht. Ausgeprägter Ruhe- und Haltetremor. Vermindertes Mitschwingen der Arme. Hypomimie sowie posturale instabilität beim Zugtest. Positives Zahnradphänomen. Stand- und Gangvarianten unsicher. Romberg- und Unterberger-Tretversuch ohne gerichtete Fallneigung. Mikrographie.

[Diktiergerät aus]

ER:
Dann bekommt das Problem endlich einen Namen.

[Ein Diktiergerät wird eingeschaltet]

ARZT 4:
Im PET mit 18-F-Dopa zeigen sich deutliche Erniedrigungen des Dopaminstoffwechsels in beiden Putamina, auf der linken Seite deutlicher ausgeprägt als auf der rechten Seite. In Zusammenschau mit den hier durchgeführten Racloprid-PET sprechen die Befunde für das Vorliegen eines idiopathischen Parkinsonsyndroms.

ER:
Und eine Prognose.

ARZT 4:
Während seines stationären Aufenthalts erhielt der Patient eine Therapie mit einem Betablocker, einem Dopaminagonisten und einem MAO-B-Hemmer. Hierunter besserte sich die Symptomatik deutlich.

ER:
Aber keine wirkliche Lösung.

[Diktiergerät aus]

ARZT 1:
Eine Behandlung der Ursachen ist bisher nicht möglich. Mit den verfügbaren Medikamenten können jedoch die Symptome abgeschwächt und das Fortschreiten verlangsamt werden.

[Atmo: Ein belebter Marktplatz, eng und laut, viele Sprachen]

ER:
Ein Agonist ist eine Substanz, die einen bestimmten Transmitter in seiner Wirkung imitiert.

[Atmo aus]

ARZT 3:
Dabei besetzt der Agonist den entsprechenden Rezeptor und aktiviert die Signaltransduktion in der Zelle.

ER:
Ich fühle mich auf einmal unbesiegbar.
Es gelingt mir, still zu sitzen
und mein Pokerface kann bis auf Weiteres wieder lächeln.

ARZT 4:
MAO-B-Hemmer blockieren die Monoaminooxydase-B, ein Enzym, welches das Dopamin abbaut. Dadurch wird Dopamin im Gehirn angereichert, wenn auch der Mangel grundsätzlich weiter besteht. Als unerwünschte Begleiterscheinungen treten Müdigkeit und Benommenheit, Kopfschmerzen und Hauterscheinungen auf. Das Medikament wirkt gering antriebssteigernd, was zu einer Schlafbeeinträchtigung führen kann. Deshalb sollte es nicht abends eingenommen werden.

ER:
Mein Schlaf ist gut.
Zum Glück.
Ich achte sehr darauf,
meine Pillen immer bei mir zu haben.
Einmal habe ich sie vergessen.
Das war dann schlimmer,
als in der Zeit,
als ich sie noch nicht genommen hatte.

ARZT 1:
Es lässt sich nicht aufhalten.

[Atmo: Fußgängerzone]

ER:
Mein erster Spaziergang nach dem Krankenhaus –
Geräusche und Gerüche und der ganze Tag
ist wie früher,
vor acht Jahren,
als ich meinen Körper einfach so dabei haben konnte,
wenn ich durch die Stadt gegangen bin.
Jetzt bin ich wieder da.
Du darfst mir auf die Schulter klopfen –
ich habe es geschafft.

[Atmo aus]

ARZT 4:
Die gezielte Therapie kann am Anfang sogar zur völligen Symptomfreiheit führen. Diese erste Phase der Krankheit wird als »Honeymoon« bezeichnet.

ER:
Ich vergesse es manchmal.

ARZT 4:
Einige Patienten fühlen sich wie »geheilt«.

ER:
Ich habe schon Streit bekommen
mit »Freunden«, die mir einreden wollten,
ich hätte gar nichts.
Wäre kerngesund.
Ein Simulant.
Die alte Leier:
Ist nur psychisch,
musst nur mehr Sport machen,
gesund ernähren.

Dieses
»stell Dich nicht so an«
ist wie ein Messer.
Und die Klinge ist nicht stumpfer geworden.

Einer, der mich lange kennt,
hat tatsächlich gesagt,
ich hätte,
also ich selbst hätte
mich dafür entschieden,
diese Krankheit zu bekommen.
Wir haben uns sehr gestritten
und die Wut ging wieder in die Beine
und ich erinnerte mich wieder, wie es gewesen ist
in den letzten Jahren,
die so unwirklich sind,
als hätte jemand anderes sie erlebt
und mir davon erzählt.

ARZT 2:
Wenn der Patient die Dosis reduziert oder die Medikamente absetzt, dann sind die Symptome und die Beschwerden wieder da.

ER:
Es ist besser jetzt. Warum glotzen denn immer noch alle?

Ich fühle mich selten.
Es muss doch noch andere geben.
Rein statistisch schon.
Ich würde es ihnen ansehen.
Vielleicht bevor sie es selber wissen.
Und dann?
Ansprechen?
»Entschuldigung, ich habe gesehen, Sie haben auch…«
Das geht nicht.

In Hollywood gibt es einen reichen Jungen,
bei dem hat es auch mit 29 angefangen.
Der steckt jetzt all sein Geld in eine Stiftung.
Medizinische Forschung.
Weil er sich vorgenommen hat,
auf der Hochzeit seiner Kinder zu tanzen.

[Atmo: Party]

Nein.
Ich tanze nicht.
Es genügt mir,
mit dem Fuß zu wippen.

[Atmo aus]

[Atmo: Arztzimmer]

ARZT 1 (liest einen Brief vor):
„Besten Dank für die Zusendung der Blutprobe des o.g. Patienten, bei dem der Verdacht auf ein Parkin-assoziiertes Parkinson-Syndrom besteht… Wir haben eine molekulargenetische Untersuchung auf Mutationen durchgeführt… Sequenzierung der kompletten kodierenden Region und der Exon-/Intron-Übergänge und Gendosisuntersuchungen aller 12 Exons… Mittels Sequenzierung werden Punktmutationen und kleine Deletionen detektiert… Mittels der genannten Untersuchung konnte ein mutiertes Allel (heterozygote Deletion von Exon 4)… nachgewiesen werden…“

Hat man Ihnen dazu etwas erklärt?

ER:
Nein.
Ich habe es heute kommentarlos per Fax bekommen.
Was bedeutet das für mich?

ARZT 1:
Ich bin kein Genetiker.
Aber hier steht
„Es besteht auch für weitere Verwandte ein Risiko, Überträger der Mutation zu sein. Wir möchten Sie daher bitten, den Patienten auf die Möglichkeit einer humangenetischen Beratung für sich und seine Angehörigen hinzuweisen.“

Hatten Sie Kinder geplant?

ER:
Nein.

[Atmo aus]

ER:
Liste der Dinge, die nicht mehr…

In der Klinik haben sie mir ein Buch gegeben.
Darin sind gymnastische Übungen beschrieben,
die die Beweglichkeit erhalten sollen.
Da steht wirklich drin:
»Machen Sie diese Übung zusammen mit Ihren Enkeln«

Man wird viel schneller alt,
als man denkt.

Meistens bin ich okay.
Manchmal,
an schlechten Tagen,
wenn die Medikamente nicht wirken wollen,
bin ich anders
Sogar die Punks
halten mich dann für einen Besoffenen.
Möglicherweise bin ich anders
anders als die,
die anders sein
wollen
mit Absicht.

Liste der Dinge, die mir sehr nahe gehen:
Wenn ein alter Mann kaum den Bordstein hochkommt,
wenn die Kinder auf der Straße ihren Müttern davonlaufen,
wenn jemand seine Möbel in einen Umzugswagen hievt.
Aber auch die brüchige Stimme von Johnny Cash
und der Schauspieler Bruno Ganz, wie er im Kino Adolf Hitler spielt, mit der flatternden Hand hinter dem Rücken.

Dann möchte ich alles
für einen Augenblick still stehen lassen
und mich ausruhen.

ARZT 4:
Es lässt sich nicht aufhalten.

ER:
Ich möchte, dass es jeder weiß
und versteht.
Aber ich sage es nur wenigen.
Ich will mich nicht entschuldigen.

Die letzten Jahre waren
wie ein Missverständnis
zu dessen Aufklärung
diese eine wichtige Information
gefehlt hat.

Die hat jetzt alles anders gemacht
was früher war.

Ich bin gleich geblieben.

Auch wenn ich es noch immer nicht wirklich erklären kann.

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