Der Bär auf dem Eis

 

Ja.
Schauen Sie.
Bewerten Sie.
Machen Sie sich ein möglichst umfassendes Bild
von dem,
was sie hier sehen.

Ziehen Sie Ihre Schlüsse.
Und glauben Sie daran.
Das ist wichtig.

Ich kann Sie verstehen.
Ich will es ja auch wissen.
Ja.

Sie können sicher sein,
dass mein Wunsch,
diesen Raum
möglichst bald
aufrecht
und stolz
verlassen zu können,
als die, die ich bin,
die ich dann sein werde –
dass dieser Wunsch
stärker ist
als Ihre wissenschaftliche Neugier.

Also schauen Sie ruhig genau hin
und schämen Sie sich nicht dafür.
Das müssen Sie nicht.

Eins sollten Sie wissen
bevor wir anfangen:
Ich bin bis hierher
gerannt –
den ganzen Weg
gerannt.
So schnell ich es konnte.

Wie ein Bär.
Ja, gerannt bin ich
wie ein hungriges Tier,
ein gefährlicher Bär
auf der Jagd.

Ein Eisbär.

Und genau hier
stehe ich und atme
meinen eigenen Schweiß

Ein großer schwerer
Bär auf dem Eis.

Weil ich ein Ziel hatte.
In meinem Kopf
das Ziel
in meinem Kopf
war nichts anderes
als das Ziel
für mehr
war da kein Platz.
in meinem Kopf
das Ziel
war alles
und plötzlich –

ich kam hier an und wusste
nicht mehr warum.

Ich hatte bis dahin
nicht einen Moment
darüber nachgedacht.

Diese Beine waren einfach gelaufen
und dieser Kopf kannte den Weg
und das Warum

war keine Frage.

Es war so,
wie wenn der Weg
wirklich
das Ziel wäre
und am Ende
wäre das Ziel –

explodiert –

aber der Weg nicht zu ende.

Die Beine waren ja noch da, aber
es waren nicht mehr meine
Beine.

Deshalb sind Sie alle hier.

Und ich
kann nicht
gehen.

Und es waren auch nicht die Beine eines Bären,
die mich zu Ihnen gebracht haben.

Erst recht nicht die eines Bären.

Und schon gar nicht die eines großen schweren
Bären.

Wenn ein Eisbär
auf dünnes Eis geraten ist und
trotzdem weiterkommen will,
wissen sie, was der dann macht?

Vielleicht haben Sie das schon mal gesehen.

Der Bär legt sich möglichst flach auf das Eis,
um das Gewicht besser zu verteilen,
und rutscht auf seinem Bauch weiter,
bis das Eis wieder dicker ist.

Aber das hier sind
keine Eisbärbeine.

Und ich mag irgendwie
kein Raubtier sein.

Haben Sie eine Erklärung?
Bin ich auf der Jagd oder bin ich auf der Flucht?
Ich kenne diese Beine nicht.

Ich bin kein Bär.
Und das hier ist kein dünnes Eis,
oder?

Ich bin
den ganzen Weg gerannt.
Bis hier her.

Das kann doch nicht jetzt sinnlos sein?
Ich fühle mich auch irgendwie
verantwortlich
schließlich sind Sie ja alle
deswegen auch hier her gekommen.

Mein Fall ist ja auch nicht gewöhnlich.
Ich bin nicht gewöhnlich.

Und das ist im Grunde auch für mich
ein einleuchtender Grund
dafür, dass ich hier…
…stehe.

Was sind das bloß für Beine?

Das sind nicht meine.
Das wüsste ich doch.

Ich meine
irgendwas daran
wäre mir doch vertraut,
wie meine
Hände
oder..

Aber da ist nichts.
Und es fühlt sich auch nicht so an,
als ob da mal etwas gewesen wäre.

Aber das kann ja nun
irgendwie nicht sein.

Können Sie mir versichern,
dass das Eis mich tragen wird?

Trotzdem.
Ich möchte ein Eisbär sein.

Ein großer
schwerer
schneller
gefährlicher Eisbär.

Das kann ich doch, oder?

Haben Sie alles gesehen?

Haben Sie noch Fragen?

Oder vielleicht Antworten?

Erkenntnisse, die wichtig sind
für einen Eisbären?

Glauben Sie,
ich kann
jetzt gehen?

Das kann ich doch, oder?

(Klaus Fehling 2013)

 

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