Luftschiff


Essay von Klaus Fehling für das Buch Koreans who went to Germany von Park Chan-Kyong


Bochum – 1942

Bochum im Ruhrgebiet, das war eine graue, große staubige Stadt, die ich als Kind zweimal im Jahr besuchte, wenn die Familie von Köln aus zu ‚Oma und Opa Bochum‘ fuhr. In dieser Stadt wurde 1923 mein Vater geboren und von hier aus ist er am 53. Geburtstag Adolf Hitlers in den zweiten Weltkrieg gezogen.

Als der Soldat später für ein paar Urlaubstage von der Front zurückkehrte, hatten die Bombenangriffe der Alliierten die Stadt so sehr zerstört, dass er sie kaum wiedererkannte. Mein Vater hat dann nie wieder in Bochum gewohnt. Nach dem Krieg waren meine Großeltern, deren Haus durch einen Bombenschaden unbewohnbar war, als „Totalgeschädigte“ evakuiert – weit weg von Bochum, wohin sie erst Jahre später zurückkehrten. Bis zum Ende der 70er Jahre wohnten sie in einer neuen, kleineren Wohnung im Zentrum der Stadt. Nachdem sie kurz nacheinander gestorben waren, rückte das Ruhrgebiet für mich viele Jahre lang in weite, uninteressante Ferne. Der Bahnhof, von dem aus mein Vater am 20. April 1942 Bochum und das Ruhrgebiet endgültig verlassen hatte, wird schon lange nicht mehr von Zügen angefahren.

Duisburg – 1963

Als im Winter 1963 die ersten Bergleute aus Korea nach Duisburg kamen, wirkte noch das deutsche Wirtschaftswunder und die Nation erholte sich von den Nachwirkungen des gescheiterten dritten Reiches und des verlorenen Krieges. Gleichzeitig begann in Frankfurt am Main der größte Massenmordprozeß der deutschen Rechtsgeschichte. Angeklagt waren 24 ehemalige Angehörige des Wachpersonals im Konzentrationslager Auschwitz, darunter auch der letzte Lagerkommandant, der jedoch vor Prozessbeginn starb. Während des Prozesses, der sich bis zum 9. August 1965 hinzieht, traten 359 Zeugen aus 19 Ländern auf. Im Vorfeld waren bereits mehr als 1300 Zeugen gehört worden. Die Urteile blieben größtenteils deutlich unter den von der Staatsanwaltschaft beantragten Freiheitsstrafen. Aber der deutsche Blick war in die Zukunft gerichtet. Es ging aufwärts mit der Konjunktur. Arbeitskraft war gefragt, nicht nur in Bergbau und Industrie, auch in den Krankenhäusern gab es anfang der 60er Jahre nicht genug qualifiziertes Pflegepersonal.

Bochum – 1997

Im Frühjahr 1997 nahm ich ein Engagement als Dramaturgieassistent am angesehenen Bochumer Schauspielhaus an. Ein Jahr lang konnte ich vom Fenster meines Büros aus die Jakobstrasse sehen, in der mein Vater seine Kindheit erlebt hatte. Dort wo jetzt ein viergeschossiges Wohngebäude aus den 50er Jahren stand, lagen einst die Trümmer des Hauses meiner Großeltern. Ich verbrachte sehr viel Zeit im Theater und schlief in einem angemieteten Zimmer am Stadtrand. Ich spürte, dass die Stadt mir etwas zu erzählen hatte, konnte aber ihre Sprache nicht verstehen. Die Fördertürme und Denkmale erschienen mir fremd und stumm. Auf der Bühne des Theaters spielten sie Shakespeare und Georg Büchner. Keine Spur von Kohle und Stahl. Keine Spur von den Arbeitern mit den fremden Namen und Gesichtern. Als nach einem Jahr meine Zeit am Theater endete, verließ ich Bochum ohne Spuren hinterlassen zu haben.

Berlin/New York City/Seoul – 2000

„And then you built your house, a wonderful house. Very tall. With
stone walls. Not a wooden cabin. And flies will fly around. You
send the kids to school. They have to learn something and become
real human beings. You go back home and won’t be a slave
anymore.“ (From ‚X-Isle‘, after Mrozek’s ‚Emigranci‘)

Im Jahr 2000 zeigte das transatlantische Theaterkollektiv ‚post theater new york / berlin‘ die Produktion ‚X-Isle‘ in Berlin, New York und Seoul. Die koreanische Schauspielerin Ji-Young Kim spielte eine Bearbeitung des Theaterstückes ‚Emigranten‘ von Slawomir Mrozek. Als Dramaturg dieser Produktion recherchierte ich über das Leben der koreanischen Einwanderer in Deutschland und hörte so zum ersten mal die Geschichte der koreanischen Bergarbeiter und Krankenschwestern. Ich erinnerte mich wieder, dass ich einige Jahre zuvor, während einer Ausbildung im Krankenhaus, eine Vorgesetzte aus Asien hatte. Sie war mir damals als besonders streng aufgefallen, sonst aber nicht weiter in Erinnerung geblieben. Sie war klein, kräftig und hat selten gelacht. Von Kollegen hatte ich gehört, dass sie aus Südkorea stammte. Wie und warum sie nach Deutschland gekommen war, hatte ich mich und sie nie gefragt.

Stuttgart – 2002

Zu dem Zeitpunkt als Chan-Kyong Park mir seine Idee vorstellte, das Schicksal der koreanischen Emigranten im deutschen Bergbau zum Thema seiner Arbeit auf Schloss Solitude zu machen, hatte ich in meinem Kopf ein vages Bild des Ruhrgebiets und wußte nur sehr wenig über Korea und die Koreaner. Das sollte sich ändern. Wir sprachen viel in den folgenden Wochen. Über Deutschland und Korea und über die vielen Parallelen in der Geschichte unserer Heimatländer. Wir aßen Bratwurst und scharfes Kim-Chi, Kassler und Algensuppe. Mein Freund war sehr wissbegierig und aufgeschlossen. Mich irritierte, wieviel er über Landschaft, Geschichte und Wirtschaft des Ruhrgebiets wusste – ohne jemals dort gewesen zu sein. Chan-Kyong Park aus Korea wußte viel mehr über die Region aus der mein Vater stammte, als ich, der ich ein Jahr lang dort gelebt hatte.

Bochum – 2002

Im Frühjahr 2002, fast 39 Jahre nach dem Eintreffen der ersten Koreanischen Bergarbeiter, stehen Chan-Kyong und ich auf einem Förderturm über dem Deutschen Bergbaumuseum in Bochum und überblicken einen Teil des Ruhrgebiets. Seoul in Südkorea ist über 8500 Km entfernt. Unglaublich weit weg. Ich schaue nach unten und suche das Schauspielhaus, die Jakobstrasse und den Bahnhof, von dem aus mein Vater 1942 die Stadt verlassen hatte. Ich höre die Stadt raunen. Im Museum ist auf einem einzigen Foto ein namenloser Koreaner zu erkennen. Keine Texttafel erzählt seine Geschichte.

Als wir vom Turm wieder heruntersteigen, erwartet uns bereits Yimyong-han Yi. Er begrüßt uns auf Deutsch. Auch er kam als Bergarbeiter aus Südkorea und arbeitete unter Tage in Kamp-Lintford bis er durch einen Unfall arbeitsunfähig wurde. Heute arbeitet er selbständig als Fußpfleger und ist mit einer koreanischen Krankenschwester verheiratet. Chan-Kyong interviewt ihn vor der Videokamera. Johann, so wird er hier von den Menschen, deren Füße er pflegt, genannt, erzählt nocheinmal von seiner Ankunft, der Arbeit auf der Zeche, dem Unfall. Diesmal spricht er Koreanisch. Manchmal muss er nach Worten suchen, die ihm nicht mehr einfallen wollen. Chan-Kyong kann helfen. Dann werden wir zum Essen eingeladen. Frau Yi zeigt uns den alten Alutopf, den sie aus Korea mitgebracht hatte, als sie nach Deutschland kam, um als Krankenschwester zu arbeiten. Sie kocht noch immer manchmal Reis darin.

Engelskirchen – 2002

Ich erzähle meinem Vater von den Koreanischen Bergarbeitern, dem scharfen Geschmack von Kim-Chi und dem Foto im Museum, zu dem es dort keine Geschichte zu lesen gibt. Ich erzähle ihm von einem Ruhrgebiet, dass er nicht kennt und er erzählt mir, endlich, von seinem Bochum, der Jakobstrasse und seiner Kindheit in der Nachbarschaft des Schauspielhauses.

Es gibt Geschichten, die fliegen einem so zu.

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