Luftschiff

Neue Westfälische vom 01.04.2008 / Feuilleton

Vorwärts in die Vergangenheit

Schauspiel-Uraufführung in Osnabrück holt die jüngste Geschichte zurück

VON HEIKO OSTENDORF

Osnabrück. Flugzeuglärm dröhnt, dann erklingt die melancholische Musik von Enyas Hitsong „Only Time“, der als Untermalung für die Fernsehbilder der zusammenstürzenden World-Trade-Center-Türme verwendet wurde und erst dadurch die obersten Chartspositionen erreichte.

Die Anschläge vom 11. September 2001 sind für Klaus Fehlings Stück „Risiken & Nebenwirkungen“ Anlass, fünfzig Jahre Terrorismusgeschichte und Politik Revue passieren zu lassen. Bei der Uraufführung im Osnabrücker emma-Theater schaut das Publikum zunächst in einen riesigen Spiegel. Zwischen ihnen sitzt Sigrid – Ex-RAF-Sympathisantin und vor der Polizei in die DDR geflüchtet, weil sie für eine Terroristin eine Wohnung gemietet hatte. Jetzt hockt sie im Wartezimmer eines Arztes, um ihrer Mutter ein Rezept mitzubringen, und klagt den anderen Patienten – also den Zuschauern – ihr Leid.

Marcel Keller bindet als Regisseur und Ausstatter in Personalunion das Publikum mit diesem Kniff ins Stück ein, erzeugt Nähe. Dabei wird linke Geschichte aufgerollt und auf die bekannten Personen verkürzt: RAF-Ikone Holger Meins, Rudi Dutschke, Beate Klarsfeld, der Tod Benno Ohnesorgs. Fehling verdichtet diese Ereignisse zu einem radikalen Potpourri.

Er bürdet dem intensiven Text nur so viel Vergangenheit auf, wie auch im Gedächtnis der Gesellschaft verblieben ist und klagt damit indirekt die oberflächliche, sich nur an zentrale mediale Ereignisse entlanghangelnde Erinnerung an. Auch der Generationskonflikt zwischen den 68ern und ihren Eltern wird dabei durchgekaut, denn Sigrids noch immer währende Auseinandersetzungen mit ihrer Mutter Anni sind das eigentliche Thema. Wütend beißt die Schauspielerin Christina Dom in ihren Apfel, als gelte es, den Eltern damit den Gar auszumachen. Wenn sie von Anni spricht, zupft sie genervt an ihrem Kostüm herum, ist unangenehm berührt oder wird für Momente wütend und entblößt virtuos den Gefühlskosmos ihrer Figur.

Als der Spiegel hochklappt, erscheint dahinter Anni, die aus Angst vor den Taliban ihre Wohnung nicht mehr verlässt. Sie hat sich stattdessen in ihr Hochsicherheitszimmer zurückgezogen, in dem Sessel, Tische und Schränke mit schützendem, grauem Fils beklebt sind. Doch das reicht ihr noch nicht. Sie flüchtet sich seit Jahrzehnten in Medikamente, schluckt Schmerzmittel und Schlaftabletten, hat sogar die Beipackzettel ordentlich archiviert.

Katrin Stephan spielt die 70-Jährige mit nervtötender Echtheit, mit ständig vorwurfsvollem Unterton in der Stimme. Sie schwärmt ausgiebig von ihrem erfolgreichen Sohn, der sich aber seit einer Dekade nicht mehr hat blicken lassen. Für die jede Woche zu Besuch kommende Sigrid und ihre Flucht in die „Zone“ kann sie dagegen kein Verständnis aufbringen.

Der computersüchtige Zivi, von Laurenz Leky herrlich schüchtern dargestellt, lässt den Redefluss freiwillig über sich ergehen. Schließlich sind beide einsame Menschen auf der Suche nach einem Gegenüber, eine Suche, die Regisseur Keller gefühlvoll aber ohne Pathos zu einem bewegenden Theaterabend werden lässt.

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