Luftschiff


Kölner Stadtanzeiger über Sigrids Risiken

Weiße Flecken auf der Erinnerungskarte

Stefan Kraft inszeniert Klaus Fehlings Sigrids Risiken in der Kölner Praxis Dr. Schneiders.

von Oliver Cech

Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen. Die 71-jährige Anni hat ihre Kindheit zwischen Trümmern und in Luftschutzkellern verbracht. Was sie damals erlebte hat sie lebenslang ausgeblendet und diesen weißen Fleck ihrer Erinnerungskarte an die nächste Generation weitergegeben – an ihre Tochter Sigrid. Durch ein Netz lebensgeschichtlicher Verweise deutet der Kölner Klaus Fehling in „Sigrids Risiken“ ein halbes Jahrhundert deutscher Zeitgeschichte an. Die Nachkriegsjahre, DDR, R.A.F., der 11. September: All dies geht in Siegrids Monolog eine zwanglose Verbindung ein. Im Wartezimmer einer Arztpraxis will die Tochter ein Rezept für die Mutter abholen und muss erfahren, dass sie selbst krank ist.

Regisseur Stefan Kraft hat Fehlings knappen und dichten Text in Wiederholungsschleifen ausgelegt, so dass Heidrun Grote dieselben Phrasen mal kühl rezitiert, mal mädchenhaft naiv, mal jovial und abgeklärt ausspielt. Was anfangs wie Zeitschinderei wirkt, setzt durch Grotes souveränen Umgang mit Sprache bald Nebenschwingungen und unterschwellige Assoziationen frei. Brigitte Angerhausen am Piano und Anne Kaftan an der Bassklarinette kommentieren musikalisch exquisit. Akustisch reizvoll bleibt das Geschehen optisch allerdings eindimensional. Vielleicht eher ein Hörspiel?

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