Luftschiff

Marcel Keller zur Uraufführung von Klopfzeichen. Leuchtfeuer. Rauchsignale. (Dezember 2003):

„la poesie ne s’impose pas, elle s’expose“ (Paul Celan)

Jahrhundertelang war der Austausch von Informationen – vom Liebesgeflüster bis zur Kirchenpredigt – fast ausschließlich von einem real anwesenden Gegenüber abhängig und die Wirkung des Gesagten somit auch abhängig von der sinnlichen Erfahrung der physischen Präsenz und Körpersprache des Gesprächspartners. Erst mit dem sogenannten Informationszeitalter wird der unmittelbare körperliche Austausch von Informationen durch die Versendung von Botschaften zwischen räumlich getrennten, aber miteinander vernetzten Sendern und Empfängern ersetzt. In der virtuellen Parallellwelt eines „Chat-rooms“ entstehen ohne die sichtbare Anwesenheit des Kommunikationspartners völlig neue Identitäten, oft mit Kunstnamen versehen, deren Physis die Phantasie des Botschaftsempfängers neu konstruiert. Durch die Abwesenheit eines „realen“ Gegenüber im Informationsaustausch haben sich die Paradigmen im Kommunikationsprozeß verändert. Der Austausch durch das Internet ist weltumspannend und die Welt hierdurch – scheinbar- überschaubarer geworden. Mit der Ordnung der Begriffe hat man die Welt im Griff, das binäre Prinzip des Computers – Strom oder Nicht-Strom, 0 oder 1 – besorgt die Logik, Sichtbares und Unsichtbares wird in ja oder nein, richtig oder falsch eingeteilt. Die Welt scheint übersichtlich, rasterbar, Länge mal Breite, das Chaos dahinter mutet an wie ein Videospiel. Was aber, wenn die Illusion des Machbaren und Überschaubaren sich so banal auflöst wie ein abstürzendes Programm sich auf dem Bildschirm verabschiedet. Was, wenn die Gabe, die Wirklichkeit aus dem Kopf immer wieder neu zu schaffen, zu der Fähigkeit verkümmert, das einmal geschaffene nur immer wieder neu zu erklären. Was, wenn – wie Sloterdijk sagt – „was wir sagen können, sich bis zur Unkenntlichkeit von dem entfernt, was sich an unserem eigenen Leibe selbst sagt“.

Die Rache der Ausgeschlossenen – Gefühle, Bilder, Gesten, Laute – ist leise, aber wirkungsvoll, wie die dramatisch ansteigende Zahl psychischer Erkrankungen zeigt. Bezeichnenderweise sind die Leiden der Psyche am wirkungsvollsten nur durch den direkten Kontakt, durch den realen Kommunikationspartner zu heilen.

Die Figuren, welche Klaus Fehling mehr denken als sprechen lässt, haben aus verschiedenen Gründen den Kontakt zu realen Aussenwelt, zu einem physisch anwesenden Gegenüber verloren. Ob sie darunter leiden, ist nicht von Belang, sie sind beschäftigt mit der Analyse, mitten in einer Art Selbst-Therapie. Die Chiffren, welche sie dabei benutzen, bedürfen noch der Deutung durch uns, die wir in ihre Köpfe schauen dürfen. Am Anfang steht ein Begehren, am Ende eine Vereinigung. Mehr wird nicht verraten. Luck be with you, viewer!

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