Luftschiff

Theater im Wartezimmer

25.09.2010 BODENHEIM

Von Margit Dörr

In „Sigrids Risiken“ wird das Publikum Teil der Inszenierung

Das Wartezimmer in der Praxis von Ärztin Dr. Uta-Christine Peter ist voll, da kommt eine weitere Patientin setzt sich auf den noch freien Stuhl, beginnt in Zeitschriften zu blättern und schaltet schließlich ihr Handy ein, aus dem das Lied „Im Wartesaal zum großen Glück“ schallte. Nein – es handelt sich um keine normale Sprechstunde. Die Menschen im Wartezimmer wollen das Theaterprojekt „Sigrids Risiken“ von Klaus Fehling sehen und miterleben. Bei der „auffälligen“ Patientin handelt es sich um „Sigrid“, gespielt von der Schauspielerin Dorothea Reinhold.

Sie lässt die Gäste teilhaben an ihren Gedanken, die ihr an diesem Donnerstagnachmittag im September 2001 durch den Kopf gehen. Eigentlich müsste sie längst bei ihrer fast 71-jährigen Mutter Anni sein um diese Zeit – wie jeden Donnerstag seit zehn Jahren. Aber Sigrid ist in der Praxis, wo sie ein Rezept für Anni abholen wollte, „zusammengeklappt“ und wartet nun auf den Arzt und seine Diagnose.

Sie spricht von ihrer Beziehung zu ihrer Mutter, ihrem schlechten Gewissen, weil sie diese regelmäßigen Besuche als eine Qual empfindet. Sie erzählt von den Ängsten der alten Frau, die sich unter anderem von Flugzeugen bedroht fühlt. Spannungsreich hat der Autor geschichtliche und politische Ereignisse mit der Gefühlswelt und dem Denken der beiden Frauen verknüpft. Die Folgen von Kriegserlebnissen, die Zeit als Sympathisantin für die RAF in den siebziger Jahren der 1949 geborenen Sigrid oder der Terroranschlag am 11. September in Amerika prägen ihre Beziehung zueinander. Dazwischen immer wieder das typische „Wartezimmergefühl“: Langeweile, Spannung, Angst vor der ärztlichen Diagnose.

Körpersprache, Mimik und Gestik, das manchmal schier endlos erscheinende Schweigen und das sich selbst beruhigende „Wird schon nichts Schlimmes sein“ lassen die Zuschauer die Nervosität der Frau fast körperlich spüren. Überhaupt kommt das Publikum nicht zuletzt durch die räumliche Enge der Schauspielerin und ihrer Figur, die sie verkörpert, sehr nah. Eine Zuschauerin fasste ihr Empfinden so zusammen: „Die Nähe war anfangs sehr ungewöhnlich. Aber dann hatte ich viel Freude daran.“

Die international angesehene Regisseurin Prof. Renate Ackermann zeigte sich begeistert von der Premiere in der Arztpraxis, betonte, aber dass viel Zeit in die Vorbereitung investiert wurde. Die körperliche Berührung, dass man den Blicken nicht ausweichen könne, seien für Publikum und Schauspielerin in der Regel ungewöhnliche Erfahrungen. „Einen enormen Reiz hat es auf mich ausgeübt“, meinte Dorothea Reinhold, der es gelungen war, mit ihrer ausdrucksstarken Sprach- und Spielweise, die Spannung auch über lange Schweigezeiten aufrecht zu erhalten.

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