Luftschiff

Herrlich böse Schwestern

„Zehn nach dreiviertel zwölf“ des Kölner Kabarett-Duos P.Laste und E.Laste im Atelier Theater

Als Zuschauer von „Zehn nach dreiviertel zwölf“ merkt man sofort, dass da etwas nicht stimmen kann. Die beiden gastgebenden Schwestern Petra und Erika Laste wirken in ihren Kleidern, die noch aus der Zeit der DDR-Volkspolizei stammen, irgendwie unweiblich. Da ist zu viel Testosteron im Spiel. Diese Irritation nutzt das Duo aus Willy Habicht und Danny Frede, die hier in ihrem bereits zweiten Programm als „P. Laste und E. Laste“ auf der Bühne stehen, für einen grandiosen Eröffnungsgag. Sie erklären ihre maskuline Erscheinung sehr plausibel, indem sie zugeben, in ihrer Vergangenheit Kugelstoßerinnen im DDR-Leistungssport gewesen zu sein. Jetzt sind sie jedoch zu alt dafür und außerdem offensichtlich einsam, weshalb sie gleich zu Beginn keinen Hehl daraus machen, dass sie verzweifelt einen Mann suchen, und sich – egal von wem – nach der Show auch gerne anfassen lassen würden.

Trotz aller Bezüge zur DDR ist der alte Osten nicht das Thema, sondern nur der Rahmen für das, was das Duo selbst als einen „chaotischen Abend ohne Nostalgie und roten Faden“ ankündigt. Nur selten greifen die beiden auf staubige Ostalgie und Zonie-Humor zurück. Es wird zwar gesächselt, was das Zeug hält, und im Bühnenbild findet sich auch das eine oder andere offenbar unvermeidbare DDR-Attribut, aber die Gags der Laste-Schwestern zielen meist auf heutige und hiesige Themen. Mit mal mehr und mal weniger Niveau lassen sie ihr Publikum über die Einsamkeit im Alter, die Deutsche Bahn oder Guido Westerwelle lachen. Dabei bereiten sie fast jede Pointe ausgedehnt vor und nutzen gerade diese Langatmigkeit geschickt als Mittel zur Unterhaltung. Als Rechtfertigung für die gewollten wie die ungewollten Längen und die teilweise auf hohem Niveau versemmelten Witze haben sie sich eine demokratische Mitmachmöglichkeit für das Publikum ausgedacht. Alles, was dem nicht gefällt, fliegt aus dem Programm.

Das führt dazu, dass die Schwestern ständig selbstkritisch damit beschäftigt sind, den Ablaufplan zu kürzen, und das Programm – wie sie behaupten – für die kommenden Vorstellungen zu verbessern. „Für Sie gilt das aber noch nicht. Sie müssen da heute noch durch“. Überhaupt wird den Zuschauern einiges zugemutet. Da kriegen die Lesbierinnen in der ersten Reihe genau so ihr Fett weg, wie der ältere Herr, dem versprochen wird, das Programm zügig durch zu spielen, damit er die Chance hat, das Ende des Abends noch zu erleben. Zwischen all diese herrlichen Bösartigkeiten und unterhaltsam ausgewalzten Witzen, wie die wundervolle, sehr lange Spielszene am Fahrkartenschalter der Deutschen Bahn, hat das Duo unnötigerweise jedoch eine zu große Menge an Pointen unterbringen wollen. Das führt dazu, dass der Abend am Ende doch unentschieden und etwas zu lang erscheint.

Aber nicht zuletzt der Mut, sich Zeit zu nehmen, sowie das Timing und die Präzision, mit der Habicht und Frede hier zu Werke gehen, geben Petra Laste vermutlich Recht, wenn sie sagt: „Noch sitzen Sie hier und finden es lustig. Aber heute Nacht werden Sie davon träumen.“ Wenn die Schwestern die vorgeblich demokratisch ermittelten Kürzungen des Programms wirklich in die Tat umsetzen würden bliebe von dem über sehr lange Strecken unterhaltsamen Abend im Atelier-Theater für zukünftige Vorstellungen nichts weiter übrig als „Guten Abend“ und „Auf Wiedersehen“. Das wäre dann doch sehr schade.

Klaus Fehling

Die Kommentare sind geschlossen, aber trackbacks und Pingbacks sind gestattet.

loading