Luftschiff

(Rohfassung des Autors)

Shakespeares „Twelfth Night“ im ARTheater (Köln). Gespielt vom Ensemble „Port in Air“

Mit Shakespeare geht so einiges. Die solide gebauten Stücke des geheimnisvollen Großmeisters der englischen Dramatik erlauben auch vier Jahrhunderte nach ihrer Entstehung noch immer eine große Bandbreite an Interpretationen und Umsetzungen. Seine Geschichten, Themen und Figuren aus der Zeit von Elisabeth I. sind auch heute noch alles andere als verstaubt.

Auch die Gruppe „Port in air“ profitiert bei ihrer aktuellen Produktion von Shakespeares „Twelfth night“ (Was ihr wollt) von der bewährten Biegsamkeit seiner Dramatik. Das vor fünf Jahren um den Hochschullehrer, Autor und Regisseur Richard Aczel am englischen Seminar der Kölner Universität gegründete Studentenensemble zeigt mit seiner bereits vierten Produktion im ARTheater einen Shakespeare, dessen englischer Originaltext mit seinen jahrhundertealten Gags und Wortspielen auch in unseren Tagen noch sehr unterhaltsam sein kann.

Shakespeares heitere Komödie handelt von den komplizierten Irrwegen der Liebe: A liebt B, B liebt aber nicht A, A schickt D, der eigentlich tot sein müsste und in Wirklichkeit die verkleidete C ist, als Liebesboten zu B, die sich sofort unsterblich in D, also eigentlich C, verliebt. C wiederum hat ihr Herz mittlerweile an A verschenkt. Als dann der überraschend lebendige echte D auftaucht, wird zuerst alles noch viel komplizierter, dann aber doch irgendwie alles gut und sogar halbwegs nachvollziehbar.

„Port in air“ versuchen gar nicht erst, Shakespeares Drama auf der Bühne zeitlich oder historisch zu verorten. Die Ausstattung kommt mit ein paar stapelbaren Stühlen und wenigen weiteren Requisiten aus. Die Kostüme könnten aus einem beliebigen Modekaufhaus mit zwei Buchstaben stammen. Die Szene wirkt wie eine Hochschulmensa. Es wird gestrickt, mobiltelefoniert und gerauft. Das alles entpuppt sich bald als eine gute Idee, die der Unterhaltsamkeit der Aufführung ebensowenig im Wege steht, wie die Tatsache, dass hier keine ausgebildeten Schauspieler auf der Bühne stehen.

An der deutlichen Spielfreude und Präzision, mit der „Port in air“ hier zu Werke geht, könnte sich so manches professionelle Ensemble in Köln vielleicht sogar eine Scheibe abschneiden.

Die wenigen behutsamen eigenen modernen Zutaten von „Port in air“ zu Shakespeares Text und die außergewöhnlichen Besetzungsentscheidungen, wie z.B. die Rolle der Gräfin Olivia (B) auf zwei Zwillinge zu verteilen oder den Sebastian (D) von einer Frau spielen zu lassen, erweisen sich als clever. Radikal erscheinen nur die massiven Kürzungen des komplexen Dramas, aus dem ganze Handlungsstränge wohl zugunsten der Kurzweiligkeit entfernt wurden. Dass der Abend dann doch fast zweieinhalb Stunden dauert, liegt u.a. dran, dass wichtige Textteile immer wieder als Schleifen rhythmisch wiederholt werden, was sich – zumindest im ersten Teil – als eine dem Tempo förderlich Idee erweist.

Überwürzt ist der Abend höchstens durch den inflationären Einsatz von (Pop-)Musik und das über die Dauer des Stücks irgendwann doch sehr anstrengende Lautstärkeniveau. Mit Letzterem wird leider viel Dynamik und damit auch der ein oder andere mögliche Höhepunkt verschenkt.

Nach der Pause haben „Port in air“ ihr Pulver größtenteils verschossen und der vom Dichter geschickt vorbereitete Showdown geht im allgemeinen Remmidemmi unter. Am Ende hat man als Zuschauer bekommen was man wollte und verlässt das Theater mit klingelnden Ohren und dem angenehmen Gefühl, gut unterhalten worden zu sein.

Klaus Fehling

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