Luftschiff

Weltflucht in der dritten Generation

Von Daniel Benedict
Osnabrück.

Für Anni bedeutet die Zeitgeschichte: Traumata im lebenslangen Abonnement. Ihre Jugend erlebt sie im Weltkrieg, ihren einzigen scheuen Moment der Liebe auf Trümmerbergen. Ihre Tochter Sigrid unterstützt später die RAF, verschwindet spurlos in der DDR, um 1989 unvermittelt wiederaufzutauchen. Und jetzt auch noch der 11. September!

Klaus Fehlings Mutter-Tochter-Farce „Risiken & Nebenwirkungen„, die am Osnabrücker emma-theater uraufgeführt wurde, lässt nichts aus. Selbst Tschernobyl findet Platz in den Monologen, mit denen die beiden Protagonistinnen ihr gemeinsames Unverhältnis artikulieren. Begegnen dürfen die Frauen sich nicht. Der wöchentliche Pflichtbesuch, der am Donnerstag der Spielhandlung fällig wäre, kommt nicht zustande, weil Annis Tochter Sigrid nach einem Schwächeanfall beim Arzt sitzt. Fehling zelebriert das Scheitern familiärer Kommunikation und hat deren Ursache fest im Blick: die unausgesprochenen Wunden der Vergangenheit.

Die jüngste Katastrophe der New Yorker Anschläge erlebt die Seniorin als Störung des Fernsehprogramms: In den Endlosschleifen des Terrors sucht Anni einen Heimatfilm. Verdrängung ist ihr Lebensprinzip. Sorgen betäubt sie seit Jahrzehnten mit Schmerzmitteln; statt eines Tagebuchs führt sie folgerichtig ein Archiv der Beipackzettel. Die Inszenierung von Marcel Keller – Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner in einer Person – betont die Komik des Stoffs. Annis Strategie der Angstbewältigung ist so offenkundig unangemessen, dass Katrin Stephan die Figur als Matrone im fliedergetönten Haar karikieren kann. Die sedierte Seniorin bewohnt eine sterile Kabine, deren Mobiliar mit grauen Schutzbezügen überspannt ist. Hier ist Sicherheitsgefühl mit klinischer Freudlosigkeit erkauft. Sigrid wird diesen Ort der Verdrängung nicht mehr betreten.

Ihr Platz ist zwischen den Zuschauern in der ersten Reihe; bei ihrem Auftaktmonolog ist die Bühne noch von einer Spiegelwand verstellt, über die man ihr ins Gesicht sieht. Deutlicher kann man es kaum sagen: Sigrid ist eine von uns. Die Sprachlosigkeit ihrer Mutter stellt das Erbe der Kriegsgeneration dar, auf das eine bessere Antwort zu finden wäre als Sigrids folgenlos verpuffende Polemik. Für ihre Darstellerin Christina Dom ist die Metapher freilich mit der handwerklichen Tücke erkauft, den Abend mit dem Rücken zum Publikum spielen zu müssen.

Dass einem die Figuren nie ganz nahe kommen, hat allerdings einen anderen Grund: Stück und Inszenierung sind mit all dem historischen Ballast überfordert, den sie ihren Figuren aufbrummen. Selbst ein russlanddeutscher Zivi, den Laurenz Leky mit mustergültigem Akzent ausstattet, hat den Konfliktstoff Migration zu verkörpern; als Cyber-Junkie variiert er zugleich das Grundthema. Seine PC-Sucht ist das jugendliche Pendant zu Annis Medikamentenmissbrauch: Weltflucht in der dritten Generation.

Trotz der Ausnahmekonstellation einer RAF-Verstrickung bleiben die Heldinnen humorvoll pointierte Allerweltsfiguren. Mal schalkhaft, mal bevormundend, hat dabei ausgerechnet Anni die Lacher auf ihrer Seite. Nicht nur sich selbst hilft sie mit ihren Lebenslügen über die Abgründe der Vergangenheit hinweg, auch dem Publikum macht sie es ein bisschen zu behaglich.

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