Luftschiff

Die Göre von Theben

Axel Siefers Aktualisierungsversuch von Sophokles‘ „Antigone“ im Bauturm-Theater

Widerstand? Zivilcourage? Ja sicher! Auch darum geht es in Sophokles‘ Antigone. Schließlich gerät die Hauptfigur der Tragödie nur deshalb in lebensgefährliche Schwierigkeiten, weil sie ihr Gewissen über das Gesetz stellt und ihren erst in Ungnade und dann auch noch in der Schlacht gefallenen Bruder Polyneikes ordentlich und nach den von den Göttern vorgeschriebenen Ritualen bestattet – obwohl der tyrannische Onkel Kreon es als König von Theben verboten hat.

Im Programmheft zur Inszenierung von Axel Siefer wird Antigone als eine Widerstandskämpferin, ja fast schon Terroristin dargestellt und dem Stoff dadurch, in unserer »durch Setzungen und Dogmen des Kapitalismus geprägten Demokratie«, eine dringliche gesellschaftliche Bedeutung zugeschrieben. Als Unterfütterung für diese These werden u.a. die Geschwister Scholl und Ulrike Meinhof zitiert und sogar vom Regisseur auf eine »neue Kultur(sic!) von Selbstmordattentaten« verwiesen.

Auf der Bauturmbühne jedoch sieht das ganz anders aus: Zwar erinnert die Uniform des Verräters, der die Antigone an Kreons Messer liefert, mit Helm und Schild an die eines deutschen Polizisten und der Herrscher Kreon erscheint mit seinem blauen Samtanzug wie eine zweidimensionale Mischung aus Helmut Kohl und Erich Honecker – ansonsten bleibt das Spiel aber harmlos. Das Mädchen Antigone ist vor allem eine überdrehte Zicke und ihre Schwester Ismene hält sich, wie vorgesehen, aus allem raus. Der Chor von thebanischen Alten sitzt dort, wo er hingehört: auf einem speziell für ihn vorgesehenen Zuschauerplatz, wo er auf einen einzelnen Zwischenrufer und Claqueur reduziert wird. Auch Onkel Kreon bleibt bis zum Schluss ein aus der Gestik und Rhetorik von Durchnittsmachtmenschen zusammengebasteltes Klischee, das sich selbst dann nicht aus sich raus bewegt, als fast alle anderen tot sind.

Es gibt keinen schuldlosen Ausweg – auch darum geht es in diesem Stück – und das hätte dann auch tatsächlich etwas mit Widerstand und sogar Terrorismus zu tun. Allerdings kann man die Motivation zur Auflehnung der Antigone nicht so ohne weiteres mit der der Geschwister Scholl oder der Meinhof vergleichen. Das wird auf der Bühne auch nicht versucht. Von Ausweglosigkeit und tragischer Zerrissenheit zwischen Gesetz und Moral ist zwischen den schönen Bildern, Liedchen und den roten Schuhen der Göre Antigone leider nur wenig zu finden.

Klaus Fehling

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