Luftschiff

Lesung auf Solitude

kopfüber in den Bewusstseinsstrom

Der Tod setzt nicht nur den Schlusspunkt unter ein Leben. Die Leerstelle, die er hinterlässt, wird mit Erinnerungen gefüllt. Die Stipendiatin der Akademie Schloss Solitude, Claudia Klischat, stürzt ein Ich namens Tom in einen solchen Erinnerungsstrudel. Ben, der große Bruder, „hat sich ersoffen“. Fast atemlos folgt die Schriftstellerin dem Gedankenfluss Toms. Eindringlich und beinahe quälend zieht sie bei einer Lesung in der Akademie ihre Zuhörer in diesen Strom, diese verzweifelte Suche nach den Spuren, die Ben hinterließ.

Von Friederike Voß

Ausgerechnet in dem Fluss, aus dem Ben immer die schillernden Forellen zog, sucht er den Tod – der einfallsreiche, der freche, der unerschrockene Ben, der Autos und Angeln stahl, den Vater „Lustmolch“ und „Hinternfetischist“ schimpfte und der Eindruck auf den kleinen Bruder gemacht hat. „Der schlaue Kopf, aus dem mal was werden kann“, ist ins Wasser gegangen.

Bens Tod wirft Tom aus der Bahn, er findet sich am Morgen danach „im falschen Bett“ wieder und sucht Halt an den kleinen Fetzen aus der Vergangenheit. Claudia Klischat, die am Leipziger Literaturinstitut studiert hat, lässt die Wörter kreisen. In Wiederholungen und immer wieder neuen Anläufen beschwört sie die Erinnerung, die Worte tasten nach dem, was war, tasten sich zögernd heran und lösen wieder neue Ströme im inneren Monolog des jüngeren Bruders aus.

Die kleinen alltäglichen Begebenheiten gewinnen angesichts des Todes, zumal eines so gewaltsamen Todes, eine neue Bedeutung. Lebensfetzen ziehen vorbei: Der Diebstahl des roten Golfs, der nach wenigen Kilometern stehen bleibt, die Angeltouren, die zuckenden Forellen im gelben Eimer, ihr Tod, von dem nur schillernde Schuppen auf dem Stein künden, die „kackbraunen Fellhausschuhe“. Familienszenen, bedrückend eng, werden wach, obwohl der Kontakt seit langem abgebrochen ist. Wenn er von Bens Tod erführe, würde Pa der Ouzo im Hals stecken bleiben, fragt sich Tom.

Mit Klaus Fehling, Stipendiat und Dramaturg des „post theaters„, das Max Schumacher im vergangenen Jahr in der Akademie vorgestellt hat, beginnt Claudia Klischat die Lesung. In einem zweistimmigen Wechselgesang tasten Fehling und sie nach den Sprachmöglichkeiten und -grenzen. In symbolhaft aufgeladenen Bildern formulieren sie die Suche nach dem Weg aus der Sprachlosigkeit. Da werden Fallschirmspringer aus dem Mund gestoßen, deren Schirme sich nicht öffnen. Da sind die Worte des geschnitzten Bengels Pinocchio, der nie bei sich selbst ist, aus Holz und nicht des Aussprechens wert. Nabelschau der Sprache. Längst nicht so eindringlich wie Toms markanter Griff nach einem Anker im Bewusstseinsstrom.

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